Zwiemilchige Gestalten

3 Wochen Elterndasein

Um sich heute als gute Mutter ausgeben zu dürfen, muss man

1. eine natürliche Geburt ertragen

und

2. stillen.

Sonst ist der Ruf schnell ruiniert. Punkt 1 ist abgehakt, Punkt 2 läuft. Allerdings muss ich gestehen: Wir schummeln. Meine Hebamme darf das auf keinen Fall erfahren. Ich hab einmal zugegeben, dass ich nachts ein Fläschchen gegeben habe – es folgte eine Predigt, in der Sätze fielen wie „Du musst auf deinen Körper hören – deinem Körper vertrauen“ – „Schau mal auf andere Kulturen – Wenn du in der Wüste oder im Busch wärst, hättest du auch kein Fläschchen“ – „Einmal zufüttern kann ein eingespieltes Stillteam völlig aus dem Konzept bringen“ — Aber: Ich hab auf meine Körper gehört, der mir sagte: „Die Milch ist alle.“ Ich hab zudem auf mein Baby gehört, das sagte: „Mir doch egal – ich will mehr Milch.“ Außerdem hab ich das Kind nicht in einem Buschkrankenhaus unter Aufsicht eines Medizinmannes und einer Voodoohexe zur Welt gebracht, sondern in einem sauberen Kreißsaal in einem echten Krankenhaus mit echten Ärzten, Hebammen und Kinderkrankenschwestern – 7. Stock mit Blick auf die Skyline einer deutsche Großstadt. Warum also nach der Geburt so tun, als gäbe es keinen Fortschritt? Und der Teamspirit von Baby und Mutter ist seit dem Fläschchen ganz weit oben.

Wie immer im Schwangeren- und Elternjargon gibt es auch für das Phänomen Zufüttern einen schönen Begriff: Zwiemilch. Muttermilch + Industriemilch = Zwiemilch.

Hört sich schon so an, als sei die Sache nicht ganz sauber. Zwiemilchige Gestalten, die nachts heimlich in die Küche schleichen und Fläschchen wärmen, damit ihre Brut sich im Schutze der Dunkelheit daran laben kann.

Claus Hipp sagt es so schön in seinem Werbespot: Muttermilch ist das Beste für Ihr Baby. Recht hat er: Stillen ist einfach und Muttermilch kostenlos verfügbar. Wenn man Pech hat, aber nicht immer und nicht immer einfach. An Muttermilch würden der sympathische Herr Hipp und seine Mitbewerber um die beste Ersatznahrung ja nix verdienen. Also gibt es an der Milchbar im Drogeriemarkt alles, was der Babymagen in seinem jeweiligen Entwicklungsstadium verpacken kann: Premilch, Folgemilch, Gute-Nacht-Milch, Fertigfläschchen, Milch im Trinkpäckchen, Biomilchpulver – für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Und das ist toll. Denn ein Fläschchen kann Leben retten. Wenn das Kind von 23 bis 2 Uhr alle 20 Minuten weint (bzw. schreit und brüllt) und verzweifelt die Brust sucht, die aber als Milchquelle versiegt ist, sollten Eltern vorbereitet sein. Am besten sind Fertigfläschchen, die muss man nur kurz erwärmen, Sauger draufschrauben und rein ins hungrige Baby. Die sind natürlich teuer und nicht grad umweltfreundlich – aber extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen. Ansonsten tut es auch Milchpulver, das man bei Bedarf anrührt. Dem Kind schmeckt beides. Und wenn es nach 3 Stunden Gejammer glückselig und hochkonzentriert an der Flasche nuckelt und danach 6 Stunden (!) durchschläft, ist die Mutter im Land der Träume, in dem Zwiemilch und Honig fließen.

Auch in den Teambuildingprozess von Vater und Kind lässt sich so ein Fläschchen super einbauen. Doch nichts fördert den Teamgeist der ganzen Familie mehr, als wenn der Vater nach 2 Wochen Schlafentzug zur ausgelaugten Mutter sagt: „Geh schlafen. Ich pass auf und geb Fläschchen!“

Alles zum Thema Zwiemilch: http://www.urbia.de/magazin/baby/stillen-und-ernaehrung/stillen-und-flasche—geht-das

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