Die Großelternpolonaise

Babys erstes Weihnachten brachte in unserer Familie einen neuen Gesellschaftstanz aufs Wohnzimmerparkett: Die Großelternpolonaise.

Die geht so: Der älteste Opa fängt an. Er nimmt das Baby auf den Arm, sodass es über eine Schulter gucken kann. So läuft er durch die Wohnung. Das hat eine rattenfängerhafte Wirkung auf die anderen anwesenden Großelternteile: Ohne, dass es einer expliziten Aufforderung bedarf, laufen sie alle hinterher. Bei einem Weihnachtsfest mit Patchworkfamilie kommen da schonmal ein halbes Dutzend Omas und Opas zusammen.
Der führende Opa läuft in Schlangenlinien durch die Wohnung und erklärt dem Kind die Einrichtungsgegenstände. Das sieht merkwürdig aus, weil Opa und Enkelin ja in entgegengesetzte Richtungen schauen.
Es fallen Sätze wie: „Was du da siehst, ist das Klavier. Wenn du groß bist, kannst du darauf spielen.“ Dann flüsternd: „Hoffentlich hast du mehr Talent als deine Mutter.“

Die anderen Großeltern laufen brav hinterher.
Sie ziehen lustige Grimassen (=strahlen das Kind an) und überbieten sich im Ausstoßen verzückter Laute: „Ooohh! Aahh! Da! Guck! Ach wie süß! Sie sabbert! Ja! Naaaa kleine Maus! Ach Gottchen wie putzig!“ Nach ca. 3-4 Runden fängt die direkte Hinteroma an zu quengeln und versucht, dem Opa das Baby abzuschwatzen: „Ich will auch mal / Gib her / Du hattest lange genug / Die lacht mich an / Ich glaub‘, die will zu mir.“
Der Großvater gibt widerwillig murrend das Baby an die Oma weiter und reiht sich wieder hinten ein. So geht es den ganzen Abend.
Die Eltern des Kindes von diesem Tanz ausgeschlossen und schlafen auf dem Sofa ein.

Nicht nur an Weihnachten haben junge (bezogen aufs Kindes-, nicht aufs Elternalter) Eltern das Recht am eigenen Kind verwirkt, sobald Großeltern anwesend sind. Kommen wir zu Besuch, stürzen sich Oma und Opa die Treppe herunter, kämpfen mit Ellenbogenchecks um die Pole Position am ersten Enkelkind. Selbiges wird schon im Hausflur aus dem Maxicosi gezerrt, die Eltern werden nicht oder nur flüchtig begrüßt.
Mal ohne Baby bei meinen Eltern aufzutauchen sollte mir im Traum nicht einfallen. Während ich noch als Babylieferantin akzeptiert und entsprechend hofiert werde (ich hab sogar wieder einen Haustürschlüssel), hat es die noch kinderlose Tante, meine kleine Schwester, besonders schwer. Wenn die Tante vor uns beim sonntäglichen Kaffeeklatsch ankommt, blickt sie in die enttäuschten Gesichter ihrer Eltern: „Ach du bist es nur. Wir hatten gehofft, es sei schon das Baby.“

Mehr von der Großelternpolonaise und anderen Geschichten gibt es im „Möhrchen-Massaker“ zu lesen!

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