Das Anti-Heinzelmännchen

Ruf die Polizei!“ – schreit mein Besuch, als wir die Wohnung betreten. Unsere Wohnung! Im Flur liegen Spielzeug und Kleidungsstücke verteilt. Der Blick ins Schlafzimmer offenbart ein Bild des Grauens: Schranktüren stehen offen. Schubladen sind herausgerissen. Das Bett zerwühlt. „Geh lieber nicht rein – vielleicht ist er noch drin!“

Wovon redest du?“ frage ich und stelle das Kind zwischen Bobbycar und einigen Wäschekörben ab. „Hier wurde nicht eingebrochen – so sieht bei uns meistens aus. Ich räum‘ gleich auf. Kaffee?“

Die Freundin bleibt wie angewurzelt stehen: „Lieber einen Schnaps!“
Ich habe den Fehler gemacht, eine kinderlose Freundin direkt nach Feierabend und Kita-Abholdienst mit zu uns zu nehmen, ohne dass ich Gelegenheit hatte, die gröbsten Spuren des Morgens zu verwischen. 

Ihr fällt ein, dass ich ja der Spezies „arbeitendes Muttertier“ angehöre und sie heuchelt Verständnis: „Na ist ja sicher auch stressig mit Job und Kind.“

Das Kind ist das Anti-Heinzelmännchen. Es räumt Bücher aus den Regalen, leert Schubladen und hinterlässt Patschfingerabdrücke auf Fenstern, Türen, Spiegeln, Bildschirmen. Und es macht ihm nichts aus, dabei gesehen zu werden. Im Gegenteil. Es scheint sogar Gefallen daran zu finden. Wie ein Heinzelmännchen rupft und zupft, hüpft und trabt, putzt und schabt es – aber es erledigt dabei keine Arbeit, sondern macht welche. Für die echten Heinzelmännchen – die Eltern. Denn wenn das Kindlein morgens erwacht, ist wie von Zauberhand alles wieder an seinem Platz.

Folglich muss ich meiner Freundin widersprechen: Die Kombination Kind und Job ist nicht das Problem. Die beiden vertragen sich ganz gut. Nur mit dem Haushalt verstehen sie sich nicht. Der fühlt sich dann oft vernachlässigt.

Meine liebe Freundin weiß natürlich Rat: „Wenn der arme Haushalt sich so vernachlässigt fühlt, müsst ihr jemanden engagieren, der sich regelmäßig um ihn kümmert.“ Aber mit einem angestellten Heinzelmännchen, das gegen Cash zweimal die Woche feucht durchwischt ist das Problem nicht gelöst. Und Dank dieser ollen Schneidersfrau mit ihren blöden Erbsen kommen die nachts ja nicht mehr für lau.

Um dem Kind jeden Morgen den Heinzelmännchen-Effekt zu bieten, beginnt die Arbeit, wenn es schläft. Sehr gern würde ich einfach mal die Füße hochlegen und einen Abend lang nutzlos vorm Fernseher rumliegen, aber aus jeder Ecke schreit mich eine unerledigte Haushaltsaufgabe an. Am lautesten schreit die Wäsche. Obwohl ich mittlerweile ein bis zwei Flecken bei Kinderkleidung noch als „sauber“ durchgehen lasse, kommt auch bei diesen klitzekleinen Kinderkleidungsstücken schnell ein stattlicher Berg zusammen. Meist leben wir daher direkt aus dem Trockner.

Elternzeitschrifen raten, man solle sich auch mal Zeit für sich nehmen, sich entspannen, Ruehpausen gönnen. Gerne! Ich sehne mich nach einer Zeit, in der niemand etwas von mir will. Zuhause ist Entspannung immer mit schlechtem Gewissen verbunden. Egal wo ich mich hinlege, etwas spricht zu mir: Wanne: „Putz mich!“ – Bett: „Ich will frische Laken!“ – Couch: „Entstaube den Fernseher!“ – Yogamatte: „Auch unterm Sofa saugen!“

Zuhause ausruhen – das geht nicht. Egal wo hin man schaut – irgendwas will immer auf- , ein- oder weggeräumt werden.

Also habe ich meine eigene Strategie entwickelt: Wenn ich babyfrei habe und mit einer Freundin zum Kaffee verabredet bin — oder wenn es ganz verrrückt wird, gar mit mehreren Freundinnen an einem Wochenend-Abend — gehe ich eine halbe Stunde eher zum Treffpunkt. Bestelle einen Milchkaffee. Und sitze einfach nur da.

4 thoughts on “Das Anti-Heinzelmännchen

  1. Ein toller Bericht, ich musste mich schon bei der ersten Zeile krümmen vor Lachen! Ich habe anfangs auch abends immer das ganze Spielzeug und allen Kram dorthingeräumt wo er hingehört. Nachdem die Aufräumzeit irgendwann 20 Minuten überschritten hatte, hörte ich schlagartig damit auf. Jetzt entspanne ich meist mit Augen zu auf der Couch und träume mich an einen leeren und aufgeräumten Sandstrand 🙂

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