Kinderdisco für Fortgeschrittene

Das große Kind war krank.

Aber bevor ich diese Geschichte erzählen kann, muss ich meine Kinder beim Namen nennen. „Du kannst doch nicht immer ‚Kind 1‘ und ‚Kind 2‘ schreiben. Das ist nicht schön“, hatte meine Freundin gesagt. Jedes Kind braucht einen Namen, das sehe ich ein. Meine haben ja auch welche. Aber da ihnen vielleicht irgendwann mal peinlich ist, was ihre Mama so von sich gibt (was ich für sehr wahrscheinlich halte), werde ich ihre Anonymität wahren und ihnen ganz exklusive Blog-Namen verpassen. Nennen wir Tochter #1 nun Anna, Tochter #2 Lilly. Wie ich finde sehr schöne Namen, auf die ich aber vor der Geburt nicht gekommen bin, weshalb meine Kinder in Wirklichkeit anders heißen müssen.

Also nochmal von vorne:

Anna war krank.

Sie krabbelte morgens unter meine Decke, hustete laut und verströmte sofort eine verdächtige Wärme. Ich legte ihr meine Hand auf die Stirn und verbrannte mir fast die Finger. „Ich glaube, wir gehen besser mal zum Arzt. Du hast Fieber“, sagte ich zu ihr.

Sie glühte so heiß, dass ich mich nicht traute, ihr wie sonst einen Löffel Fiebersaft zu verabreichen und sie in der Kita abzuliefern in der Hoffnung, dass sie bis zum Nachmittag durchhielt.

Anna ging ganz gerne zum Arzt. „Jaaaaa!“ freute sie sich und klatschte in die Hände.

Der Grund war klar: „Der Doktor gibt Kaubigummis! Ganz viele!“ Auch im Fieberwahn hat sie den Blick fürs Wesentliche nicht verloren: Beim Arzt gab es nach der Untersuchung immer zwei Gummibärchen. Rezeptfrei.

Der Kinderarzt hörte Anna ab und war ganz zuversichtlich, ihren Husten mit ein paar Tropfen bald in den Griff zu bekommen.

Ich freute mich auf einem Tag mit einem kranken Kind zu Hause. Denn wenn sie krank war, war Anna immer lieb und ruhig, wollte den ganzen Tag vorgelesen bekommen, war sehr kuschelbedürftig und schlief viel. Ein schlafendes Kleinkind ist viel Wert, wenn man noch einen Säugling bei sich wohnen hat, der auch Mamas Aufmerksamkeit fordert.

Die kleine Lilly machte gerade eine seltene infektfreie Phase durch. Und das sollte auch so bleiben. Die Herausforderung des Tages war es also, die Große von der Kleinen fernzuhalten. Ich sah darin kein Problem, denn ein fieber-faules und schlafbedürftiges Kind würde sicher kein Interesse an einem Baby haben.

„Es kann sein, dass die Tropfen sie etwas unruhig machen“, hatte der Kinderarzt gesagt.

Ich werde ihn beim nächsten Mal fragen, was er unter „etwas unruhig“ versteht.

Anna war nicht unruhig. Sie war völlig überdreht. Kaum hatte ich ihr zu Hause die erste Dosis verabreicht, ging es los. „Musiiiik!! Ich will Muusiiik!“ , schrie sie mich an.

Vielleicht waren die Tropfen gar nicht auf Wasserbasis, sondern auf Red Bull oder/und Espressobasis angerührt worden? In jedem Falle musste LSD oder ähnliches darin enthalten sein.

Ich machte Annas Lieblings-CD* an, setzte mich mit Lilly und ihrem Fläschchen auf die Couch und Anna tanzte um den Wohnzimmertisch herum. Dann fiel ihr ein, dass sie nicht die richtigen Tanzschuhe an hatte.

„Ich brauche meine Blinkeschuhe!“

„Ich hole dir die Blinkeschuhe sofort, wenn Lilly ausgetrunken hat.“

Das ging natürlich nicht schnell genug. Ein Wutanfall schien angebracht und sie schmiss sich auf den Boden, wälzte sich herum und brüllte: „Nein! Jeeetzt! Jetzt die Schuhe! Lilly in die Wippe!“

Sie stürmte auf uns zu setzte alles daran, ihre Schwester von meinem Schoß zu zerren.

Ich versuchte mit Händen und Füßen sie davon abzuhalten, der Kleinen ins Gesicht zu husten, doch sie ließ tatsächlich freiwillig von ihr ab, rannte zum Schuhschrank und riss alles heraus, was sie zu fassen bekam. Auch die rosa geblümten Blinkeschuhe. Die hatte sie ein paar Tage zuvor von der Oma geschenkt bekommen, die den zweifelhaften Schuhgeschmack ihrer Enkelin teilte.

Die Schuhe haben einen Vorteil: Ein tolles Fußbett, furchtbar gesund für die kleinen Kinderfüße. Und einen Nachteil: Sie blinken.

Anna zog sich den linken Schuh an den rechten Fuß, den rechten Schuh an den linken Fuß und war zufrieden mit ihrem Disco-Outfit.

Ich saß mit dem hungrigen Baby auf dem Sofa und Anna rannte zu ihrem CD-Player, drehte die Musik voll auf und hopste weiter um den Tisch herum. Draußen fing es an zu hageln und es wurde mitten am Vormittag sehr dunkel. Dadurch blinkten Annas Schuhe noch heller und sie sah aus wie der einzige Gast einer Kinderdisco. Von den LSD-Tropfen gesteuert hüpfte sie unkontrolliert auf und ab, schmiss den Kopf in den Nacken und die Arme in die Luft. Mit ihren Stroboskop-Leuchtschuhen erinnerte sie mich an meinen Besuch bei der Mayday vor zwölf Jahren. Auch da tanzte ein ganz in rosa gekleidetes und zugedröhntes Mädchen mit blonden Zöpfen und seltsamen Schuhen vor meiner Nase herum. Nur dass da nicht „Eine Giraffe mit Halsweh“ im Hintergrund lief.

Ich weiß nicht, ob ich den Namen dieser Tropfen hier nennen darf, denn ich fürchte, die sind noch nicht offiziell zugelassen. Aber ich nehme gern private Anfragen entgegen, falls jemand Interesse hat. Die scheinen echt was zu können und billiger als Discodrogen sind sie auf jeden Fall.

Nach dem dritten Mal „Giraffe mit Halsweh“ kam Anna auf mich zugehüpft, hob ungelenk ein Bein und brüllte gegen die Musik an: „Da! Ein Zettel!“ Und tatsächlich, am linken Schuh und am rechten Fuß baumelte noch ein kleines Etikett. Ich riss es ab – und schöpfte neue Hoffnung: Auf dem Zettelchen stand ein Hinweis: Die Batterie kann man nicht wechseln und sie hält maximal bis zu 200.000 Blinkzeichen. In zwei bis drei Tagen sollten sie also ausgeblinkt haben.

*übrigens „Krümelmucke 2“ – wie ich finde für Erwachsene durchaus gut zu ertragen. Wir haben die nicht umsonst bekommen, um darüber zu bloggen, ich mag sie wirklich. www.kruemelmucke.de

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