Im Land der Kinderfeinde?

Als der kleine Paulus Maximus eine Handvoll Sand ins Gesicht und ins Weizenbierglas von Stammgast Dirk schmiss, hatte der Wirt die Schnauze voll. Er griff kurzerhand zum Hammer und nagelte ein Schild an die Holztür zu seiner Strandlandschaft: „Ruhebereich: Keine Kinder – Keine Hunde“. So steht es jetzt dort. Dirk hat seine Ruhe und der dreijährige Paul Hausverbot.

So oder ähnlich begab es sich kürzlich in einem Düsseldorfer Biergarten, der dem ruhebedürftigen Erwachsenen ab sofort eine kinderfreie Zone bietet.

Ruhe – das hört sich traumhaft an! Ich wollte schon hinfahren, meine Kinder neben den Hunden vor der Tür anbinden und in aller Stille ein Bierchen genießen, befürchtete aber, dass man ihr Geschrei bis in die Ruhezone hinein hören würde.

Aber Spaß bei Seite: Was sollen Eltern von diesem Zutrittsverbot für Kinder halten?
Empörung? Verständnis? Schulterzucken?

In diversen Interviews (z.B. hier mit der Süddeutschen) präsentierte sich der Düsseldorfer Wirt nicht als garstiger Kinderhasser. Im Gegenteil: Er, selber Vater, hatte einfach genug. Nicht von den Kindern, sondern von den Eltern. Immer wieder musste er die gleichen Szenen beobachten: Während Mama und Papa in der Sonne chillen, bewirft der Nachwuchs andere Gäste mit Sand, zerstört die Dekopalmen, leert die Aschenbecher oder verlegt den Kinderspielplatz in die Küche – was nicht nur nervig für den Koch, sondern nebenbei auch gefährlich fürs Kind ist.

Ich verstehe den Wirt sehr gut. Sein Gefühl der Verzweiflung kennt wohl jede Mutter und jeder Vater: „Ich habe es zehn Mal gesagt – jetzt ist Schluss!!“, brüllt man entnervt und greift zu drastischen Maßnahmen: Kein Eis, kein Sandmann, oder eben: kein Biergarten.

Doch bei allem Verständnis für den Wirt – Das Schild steht für eine traurige Entwicklung: Sind wir auf dem Weg dahin, im Alltag immer mehr getrennte Bereiche für Kinder und Erwachsene bzw. Eltern und Nicht-Eltern zu schaffen?

Kinder sollten sich in einer Gesellschaft willkommen fühlen. Das heißt nicht, dass sie überall machen können, was sie wollen. Willkommen zu sein darf auch heißen, dass es bestimmte Regeln gibt. Und wenn man einem Kind beibringt, dass man in einem Restaurant anderen Gästen nicht die Pommes vom Teller klaut, heißt das nicht, dass man damit seine Kindheit ruiniert. Im Gegenteil: Regeln, Rituale, Struktur und Verlässlichkeit sind wichtige Eckpfeiler einer glücklichen Kindheit, die neben ganz viel Spaß auch Orientierung auf dem Weg zum Erwachsenwerden liefern sollte. Kindheit findet nicht in einem Mutter-Vater-Kind-Vakuum statt. Ein Kind bewegt sich in komplexen sozialen Gefügen, hat mit Erwartungen, Regeln, Werten und Konflikten zu tun. Man kann Kinder nicht bis zur Volljährigkeit in ausgewiesenen Kinderzonen halten und am achtzehnten Geburtstag die Tür zur Erwachsenenwelt öffnen, sie über die Schwelle schubsen und sagen: „Genug gespielt. Nun seht mal zu, wie ihr klarkommt.“

Überspitzt gesagt steht das Düsseldorfer Schild für zwei Extreme: Erwachsene, die bewusst keine Kinder haben und das Hier und Jetzt unbehelligt genießen wollen versus Erwachsene, die Kinder haben und angesichts der niedrigen Geburtenrate im heldenhaft gezeugten Nachwuchs der Rettung des Landes sehen, weshalb dieser bloß keine Einschränkungen erfahren sollte, weil er sonst weint.

Für die Mehrheit der Eltern und deren Kinder ist ein solches Verbotsschild sicher nicht nötig, denn die meisten Mütter und Väter versuchen ihr Bestes, um irgendwo zwischen Überbehütung und Vernachlässigung einen Erziehungsstil zu finden, der dabei hilft, aus kleinen Egomanen einigermaßen nette Menschen zu machen.

Erziehungstipps habe ich leider keine, denn ich habe noch gut reden: Meine Kinder sind noch so klein, dass ich sie problemlos einfach wegtragen kann, wenn sie Probleme machen, auch beide gleichzeitig. Aber man muss kein Experte sein, um darauf zu kommen, dass Kindererziehung leider nicht damit erledigt ist, dass man „Ey, nicht mit Sand werfen“ brüllt, ohne dabei den Blick vom iPad zu heben.

Ein Biergarten ist kein Kindergarten und die Kinderbetreuung nicht im Trinkgeld enthalten. Wer seine Kinder ungezügelt herumtoben lassen möchte, packt vielleicht besser einen Picknickkorb, wickelt sein Bierchen in eine braune Papiertüte und geht auf den Spielplatz.

Vielleicht hat der Wirt mit seinem Schild zumindest bewirkt, dass Eltern und Nicht-Eltern ihre Haltung und ihre Verantwortung für Kinder überdenken. Nicht-Eltern könnten einsehen, dass nicht jeder, der mal nervt oder rumschreit einen abgezäunten Bereich oder am besten einen schalldichten Raum bekommen muss und Eltern müssen verstehen, dass nicht jeder vor Entzücken ausflippt, wenn ihm ein sonnencreme- und schokoeisverschmiertes Kind auf den Schoß klettern will. Ein bisschen Respekt und Toleranz von beiden Seiten führt vielleicht dazu, dass Eltern und Nicht-Eltern weiterhin gemeinsam in den gleichen Lokalen ihr Bier trinken können. Vielleicht , wenn Kinder einfach als normal und dazugehörend angesehen werden. Und zwar von Eltern wie Nicht-Eltern.

Echte Kinderfeinde gibt es zum Glück sehr selten. Viele Gastronomen tun mit wenig Aufwand viel für Kinderfreundlichkeit: Ein paar Hochstühle, eine Wickelmöglichkeit und eine kleine Spielkiste (oder ausreichen Bierdeckel auf dem Tisch) sind schon genug, um die Brut über eine Bierlänge bei Laune zu halten.
Der Düsseldorfer Wirt ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat extra einen Spielplatz gebaut. Dort trifft man Sandschmeißer Paulus Maximus und seine Mutti jetzt öfter. Und sie hat dazu gelernt: Als ein kleines Mädchen, nennen wir sie Anna, eine Schüppe Sand in Richtung ihres Sohnes schleuderte, stürmte sie sofort auf die Mutter zu und rief empört: „Das mag mein Pauli gar nicht. Bringen Sie Ihrer Tochter mal bei, dass man das nicht macht!“

 

Was haltet ihr von der „kinderfreien Zone“? Verständlich? Notwendig? Übertrieben?

Am Freitag, 17. Juli, darf ich im WDR bei „daheim + unterwegs“ zur Frage „Wie kinderfreundlich ist Deutschland?“ plaudern – ich freue mich auf eure Meinung zu dem Thema!

4 thoughts on “Im Land der Kinderfeinde?

  1. Ein heikles Thema. Ich stimme mit dem Artikel grundsätzlich überein, denn man kann leider immer mehr Eltern beobachten, die ihre Kinder grundsätzlich alles machen lassen, was diese wollen – Hauptsache, sie selber haben ihre Ruhe!

    Beispiele gefällig?
    In mehreren Hotels: Kind am Buffet, greift mit der Hand in das angebotene Essen, kostet es, schmeckt ihm nicht, spuckt es zurück (!) Mutter daneben, lacht, findet das süß (?) Ich mache sie darauf aufmerksam, dass das nicht unbedingt anständig gegenüber den anderen Gästen ist – und muss mich auf das Übelste beschimpfen lassen.
    Oder: Ich liege in der Wiese weitab von Pool und Spielplatz und schlafe. Kind und Mutter kommen mit Wasserball, Kind schmeißt mir Wasserball auf den Bauch (das tut weh, wenn man schläft und völlig entspannt ist!), ich schreie auf, Mutter lacht und lobt ihr Kind (?)
    Oder: In der U-Bahn: Kind sitzt mir gegenüber, versetzt mir auf einmal einen Tritt gegen das Schienbein. Ich stelle die daneben sitzende Mutter zur Rede und kann mich als Kinderfeind beschimpfen lassen.
    Oder: Ich sitze mit Freunden an einem Teich beim Picknick, etwas weiter Eltern mit ihrem Kleinkind. Das Kind läuft in RIchtung Wasser, fällt in den Teich. Die Eltern bemerken es nicht einmal, weil sie das Kind gar nicht beachten! Mein Freund springt ins Wasser und zieht das Kind heraus, bringt es zurück zu den Eltern. Die reagieren mit einem festen Schlag auf den Po des weinenden Kindes, weil es „nicht gehört hat“.

    Da könnte ich noch viel berichten.

    Fazit: Die Kinder sind nicht das Problem, oh keineswegs. Die armen Würmchen HABEN ein Problem mit solchen Eltern – die sind das wahre Problem. Und da offenbar gesellschaftliche Regeln für immer mehr Eltern nichts mehr gelten, kann man eigentlich nur noch in kinderfreie Zonen ausweichen. Traurig aber wahr.

  2. Hi, nachdem ich ja drei Jahre Anschauungsmaterial gesammelt habe, dazu vielleicht folgende Gedanken: viel erschreckender als das obige Beispiel finde ich, was das alles über unsere Gesellschaft aussagt. Ähnlich wie im Strassenverkehr, in dem man es keine 3 Kilometer irgendwohin schafft, ohne angehupt, angeschrien, angedrängelt oder sonstwie ‚vermeintlich‘ auf seine Fehler hingewiesen zu werden, bin ich schockiert über die Agressivität beider Seiten, was das Thema Kinder /Kindererziehung und das, was darunter verstanden wird, angeht. Und auch über die mangelde Fähigkeit beider Seiten, auch nur ein bisschen Verständnis für die andere Seite aufzubringen. Wie bei allen Dingen würde etwas mehr Toleranz wahrscheinlich beiden Seiten gut tun.

  3. Hallo,

    wirklich gut geschrieben. Ich finde, dass ein Inhaber immer das Recht hat, zu entscheiden, wer seine Lokalität betritt. Es regt sich ja auch niemand auf, dass ein Türsteher (im Auftrag des Inhabers) entscheidet, wer in einen Club kommt und wer nicht. Oder dass ein Hetero-Paar nicht in einen Club für Homosexuelle gehen kann.
    Wenn alle, oder zumindest die meisten, Eltern ihre Kinder sinnvoll erziehen würden, wäre es in diesem Fall ja nicht mal so weit gekommen. Trotzdem werden solche Fälle meiner Meinung nach die Ausnahme bleiben und es gibt für uns Eltern immer noch genügend Orte, an die wir mit unseren Kindern gehen können.
    Liebe Grüße,
    Hanna

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