Ich bin eine Helikopter-Mum!

Helikopter-Eltern sind ja heutzutage verpönt. Aber ich gebe es zu: Ich bin eine Hubschrauber-Mutter!

Allerdings nicht in der bekannten Definition der überbehütenden und kontrollsüchtigen Gluckenmutti. Nein, ich war schon ein Helikopter, bevor ich Mutter wurde.

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, hat mein Vater mal über mein Teenager-Ich gesagt: „Die ist wie ein Hubschrauber. Sie schwebt mit großem Getöse ein, wirbelt alles durcheinander, schwebt wieder davon und zurück bleiben Chaos und Verwüstung.“ Damit meinte er wohl meinen nicht besonders ausgeprägten Ordnungssinn.

Ich hab mir nichts dabei gedacht, denn ich fand mich in meiner Unordnung zurecht und lebte nach dem Motto „je mehr auf dem Boden liegt desto weniger musst du saugen“ ganz gut. Als Teenager oder Studentin darf man unordentlich sein, fand ich. „Das kommt schon, wenn ich erwachsen bin“, redete ich mir ein. Als ich dann erwachsen war, so mit dreißig, änderte ich mein Credo in „das kommt schon, wenn ich mal Kinder habe.“

Ich war geblendet von den gut organisierten und frisch gewischten Haushalten meiner Mutter und ihrer Mutter-Freundinnen und fest davon überzeugt, dass sich die Fähigkeit, Ordnung zu halten zwangsläufig einstellt, sobald man Kinder hat. Die konnten ja nicht alle schon immer ordnungsliebend gewesen sein. Es musste da einen Schalter im Gehirn geben, der sich umlegt, sobald man Mutter wird und im Mamahirn das Ordnungsprogramm abspielt. So meine Theorie.

Irgendwas muss bei der Installation des Programmes bei mir schief gelaufen sein. Denn es ist immernoch unordentlich. Ich hab extra noch ein zweites Kind bekommen, aber es hat wieder nicht geklappt. Im Gegenteil: Es wird immer chaotischer.

Ich würde das gern auf die Kinder schieben, aber das wäre im Moment glatt gelogen. Denn Lilly ist noch zu klein, um Chaos zu verbreiten und Anna hat momentan einen Aufräum-Tick, zumindest wenn sie Lust dazu hat. Alles, was sie findet, packt sie in Tüten und Taschen, Kisten und Schubladen – nicht besonders strukturiert, aber der Kram ist zumindest außer Sichtweite. Das hat sie von ihrem Vater.

Ihre Stifte hat sie gestern vor dem Schlafengehen sogar freiwillig ordentlich auf ihrem Kindertisch aufgereiht und dann gesagt: „Siehste Mama. So ist das aufgeräumt.“ Vielleicht merkt sie langsam was. Ich fürchte, dass sie zu ihren eigenen Kindern oder ihrem Therapeuten mal sagen wird: „Seit ich zweieinhalb war, habe ich den Haushalt allein geschmissen.“

Dabei bin ich kein Messi. Ich mag es sauber, sammle keine leeren Joghurtbecher und bringe ab und zu auch das Altpapier zum Container. Da die kleine Lilly sehr infektanfällig ist, achte ich auf Hygiene, renne den ganzen Tag mit Desinfektionsspray hinter Anna her und die Flächen, die frei sind, wische ich gern mal ab. Es sind zum Glück nicht allzu viele.

Letztens war ich bei einer Freundin zu Besuch, die auch zwei Kinder hat. Wir saßen in deren Kinderzimmer, Anna und der gleichaltrige Luis bauten friedlich mit Lego, Lilly schlief und meine Freundin wickelte ihr Baby Jakob. Da bat sie mich, ihr einen Body aus dem Schrank zu geben. Ich öffnete die Tür und mich traf fast der Schlag: Da war alles ordentlich gefaltet, kleine gebügelte Kinderhemden hingen auf kleinen bunten Kinderbügeln und die Bodys waren säuberlich gestapelt und gut sichtbar in langarm und kurzarm sortiert. Es sah aus wie in einem dieser weltfremden Pinterest-Fotos. Oder wie in einem überteuerten Kinderklamottenladen.

In unserem Kleiderschrank sieht es auch aus wie in einem Klamottenladen, allerdings nachdem eine Horde Schnäppchenjäger im Sommerschlussverkaufswahn darüber hergefallen ist. Die Kinder können nicht schuld sein, die hat meine Freundin auch. Vielleicht liegt es daran, dass sie zwei Jungs hat, anders kann ich mir diese Ordnung nicht erklären.

Für uns gibt nur einen Ausweg: Umzug! Wir brauchen ein Zimmer, in dem Anna und ihr Vater ihren Ordnungswahn ausleben können, sonst halte ich das nicht aus. Den Umzug bereite ich gerade vor und fühle mich wie das stolze Stammesoberhaupt der Mietnomaden.

Ich habe mir ganz fest vorgenommen, in der neuen Wohnung meinen Helikopter gegen ein sanft und geräuschlos einschwebendes Segelflugzeug einzutauschen. Wenn es nicht klappt, schiebe ich es doch auf die Kinder.

One thought on “Ich bin eine Helikopter-Mum!

  1. Bitte, bitte sag‘ unbedingt Bescheid, ob der Umzug hilft. Bei uns ist es leider auch immer sehr chaotisch, ‚leider‘ ist das Ordnungsgen auch beim Vater nicht ausgepraegt. Und bei keinem der Kinder…

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