Natürliche Geburt versus Kaiserschnitt – oder: Die Alpen-Analogie für Erstgebärende

Ich habe Freundinnen, die meine Kinder und meine Augenringe kennen und trotzdem eigene wollen. Also Kinder. Die Augenringe gibt es ja gratis dazu und das nehmen sie billigend in Kauf.

In meinem Umfeld sprießen gerade die Babybäuche wie Pilze – also riesige Atompilze –  aus dem Boden. Daher habe ich in meiner Kontaktliste die Namen meiner Freundinnen um den errechneten Geburtstermin (im Profi-Schwangerenjargon „ET“ abgekürzt) ergänzt, um nicht durcheinander zu geraten.
Letzte Woche blinkte das Foto meiner Freundin Ela ET 6.11.2015 auf meinem Handydisplay auf. Sie wollte bei alkoholfreien Heißgetränken auf den Beginn ihres Mutterschutzes anstoßen und wir verabredeten uns zum Kaffeeklatsch.

Wie alle angehenden Erstgebärenden in meinem Freundeskreis meinte Ela, ich als Zweifach-Mama solle sie an meinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben lassen. Und zwar bei dem Thema, das jede Schwangere am meisten bewegt: Die Geburt.
Noch ganz glückselig von der erfolgreichen Zeugung verdrängen werdende Mütter gern, dass eine Schwangerschaft ganz anders endet, als sie beginnt.

Natürlich darf man Erstgebärenden niemals die Wahrheit sagen.
Die Wahrheit ist nur für Mütter. Das werden sie merken, wenn sie sich im Rückbildungskurs treffen, wissend zunicken und die Frage nicht mehr lautet, ob man einen Dammriss hatte, sondern nur, welchen Grades er war (ja, es gibt mehrere).

Da ich in den zweifelhaften Genuss einer „normalen“ Geburt und eines Kaiserschnitts kommen durfte, fragen Schwangere mich oft nach den Vorzügen des jeweiligen Geburtsmodus.
Auch Ela ET 6.11.
Kaum hatte die Kellnerin die Kaffeetassen abgestellt, wollte sie auch schon wissen, was sie erwartet.

 „Erzähl‘ doch mal! Was war für dich schöner? Die normale Geburt oder der Kaiserschnitt?“, fragte sie, streichelte dabei versonnen ihren prallen Babybauch und starrte mit verklärtem Blick in ihre Zukunft als Mutter.

„Schöner?? Ich verstehe die Frage nicht“, sagte ich.
Ela ließ erschrocken von ihrem Bauch ab und rührte hektisch in ihrem koffeinfreien Milchkaffee.
„Keine Sorge“, versuchte ich eine falsche Beruhigung gepaart mit einem falschen Lachen. „Die Schmerzen vergisst du“, versicherte ich.  „Irgendwann vielleicht“, dachte ich weiter.

Um keine vorzeitigen Wehen auszulösen, wollte ich sie mit Hilfe der Alpen-Analogie auf das Bevorstehende vorbereiten.

„Also – stell dir vor, du bist in den Bergen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Du willst auf einen besonders hohen Gipfel, von dem alle, die dort waren, sagen, dass er eine unfassbare, unvergleichliche, atemberaubende Aussicht bietet. Der Aufstieg zu diesem Gipfel ist die natürliche Geburt.“
Ich nahm einen Schluck von meinem koffeinhaltigen Kaffee mit Schuss und sie blickte mich gespannt an, die Hand wieder auf dem Bauch ruhend.
„Du packst genügend Wasser ein, studierst die Wanderkarte und machst dich auf den Weg“, fuhr ich fort. „Am Anfang ist die Strecke noch einfach und du fragst dich, warum alle, die mal oben waren, so darauf schimpfen. Nach ein paar Stunden wird der Weg dann steiler. Deine Wasserflasche ist leer, das Wetter schlägt um. Du fällst hin, schlägst dir die Knie auf. Du hast Blasen an den Füßen. Aber du kannst nicht mehr umkehren. Zwischendurch willst du dich einfach nur am Wegesrand begraben lassen, weil du sicher bist, dass du es niemals bis nach oben schaffen kannst. Doch dann, urplötzlich, nach einem besonders steilen und steinigen Abschnitt ist sie da – die Aussicht. Also DIE Aussicht. Und sie ist tatsächlich unvergleichlich und wunderschön. Oben angekommen reicht dir jemand ein kühles Wasser und die Strapazen des Aufstieges sind vergessen.“ Ela nickte und fragte: „Und dann?“ „Dann machst du ein Foto von der Aussicht, lädst es bei Facebook hoch und setzt dich in die Seilbahn, die dich ganz bequem nach unten kutschiert.“

„Ok, eine Herausforderung, verstehe. Und was ist mit dem Kaiserschnitt?“, wollte sie wissen.
Ich vermied es, ihr zu erzählen, dass sich die Blasen an den Füßen auch entzünden und zu eitrigen Beulen auswachsen können und die Seilbahn auch mal ruckelt oder mitten auf der Strecke über dem Abgrund stehen bleibt.

„Da läuft es andersherum. Du steigst im Tal in die Seilbahn, juckelst gemütlich nach oben, trinkst zur Entspannung vielleicht einen Wein und wenn du oben angekommen bist, steigst du aus und genießt die Aussicht.“ „Das hört sich irgendwie einfacher an“, meinte Ela. „Warte ab“, sagte ich und spülte den letzten Schluck kalten Kaffee hinunter. „Der Kaiserschnitt ist der Abstieg. Wenn du das Foto von der Aussicht gemacht und bei Facebook hochgeladen hast, hat der Seilbahnfahrer Feierabend und du musst den Berg hinunterkraxeln. Das ist richtig steil und steinig. Du hast die falschen Schuhe an. Du stolperst, rutschst einen matschigen Abhang herunter, überschlägst dich noch ein, zwei Mal und landest mindestens mit einem verstauchten Knöchel im Tal.“

Ela seufzte: „Die Seilbahn fährt immer nur in eine Richtung?“
„Leider ja. Eine Strecke musst du laufen. Aber denk immer an die Aussicht. Die ist wirklich atemberaubend schön.“

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