„Die Welt ist böse. Jetzt geh‘ spielen.“ – Oder: Wir sehen uns in Paris

Letzten Freitag, den 13. November, konnte Anna nicht einschlafen.
Sie hatte Tränen in den Augen. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass sie in ihrer Phantasie oder im Traum eine Elfe sein könne. „Oder wir verkleiden uns morgen als Elfen, ja?“, schlug ich ihr vor.
„Nicht verkleiden! Ich möchte eine echte Elfe sein!“ Sie heulte verzweifelt auf und schmiss sich theatralisch auf meinen Schoß. Sie trommelte mit den Fäusten aufs Kopfkissen.
Es schien ernst zu sein.
„Warum denn Mama? Warum kann ich keine Elfe sein?“, fragte sie und strich sich eine lange blonde Strähne aus dem Gesicht. Ein paar Haare blieben an der tränennassen Wange hängen.
Ich versuchte, nicht zu lachen. Sie war sehr süß in ihrer Verzweiflung darüber, nur ein normales dreijähriges Kind ohne Flügel, Glitzerstaub im Haar und Schlafplatz in einer Butterblumenblüte zu sein.
Mit dem gebotenen Ernst diskutierten wir ihre Identitätskrise und nachdem wir ihre 324 Pixibücher mit Elfenthematik gelesen hatten, fielen ihr langsam die Augen zu.

Baby Lilly und Papa waren Fußball gucken – Frankreich gegen Deutschland.
Nein, der Papa hat das Baby diesmal nicht mit in die Kneipe genommen. Lilly ist im Krankenhaus und erholt sich von einer Operation. Das ist nicht schön (und irgendwann ein eigenes Blog-Kapitel für sich), aber sie hat einen Fernseher auf dem Zimmer.
„Mit Fußball kann man nicht früh genug anfangen“, meinte ihr Papa und erklärte sich bereit, diese Nachtschicht in der Kinderklinik zu übernehmen.

Was sollte ich also tun mit meiner Freizeit, wenn die Möchtegern-Elfe schläft und die andere Hälfte der Familie im Krankenhaus ist?
Noch die zweite Halbzeit ansehen? Aber ein Freundschaftsspiel interessierte mich nicht besonders.
Vielleicht etwas völlig Verrücktes, das ich lange nicht mehr gemacht habe. Baden? Oder lesen? Oder schlafen?
Ich entschied mich fürs Bloggen, immerhin war die Schnullerfee neulich da – ein sehr spannendes Thema für Eltern dreijähriger Kinder.
Mit einem Glas Rotwein setzte ich mich an den Laptop, ohne mich wie sonst von den sozialen Netzwerken zur Prokrastination verführen zu lassen.
Kurz nach Mitternacht war ich ganz zufrieden mit dem ersten Textentwurf und ging ins Bett.

Mein iPhone hatte ich auf dem Nachttisch liegen gelassen. Lautlos.
Elf Whatsapp-Nachrichten von Charlotte.

Charlotte ist meine Freundin aus Südfrankreich. Wir haben uns vor mehr als zehn Jahren als Erasmus-Studenten in Amsterdam kennengelernt und waren noch immer in engem Kontakt. Gesehen haben wir uns das letzte Mal vor fünf Jahren. In Paris. Bevor wir Kinder hatten, haben wir uns dort ein paar Mal getroffen. Paris war ein guter Treffpunkt zwischen Marseille und Essen.
„Möge das bessere Team gewinnen. Allez les bleus! :)“ – lautete Charlottes erste Nachricht.
Später dann, im Abstand von wenigen Minuten: Schaust du TV? — Was passiert da? — Im Stadion gab es eine Explosion — Nein, vor dem Stadion. — Mein Bruder ist in Paris. — Es gibt eine Geiselnahme. — 30 Tote. — Meinem Bruder geht es gut. — Mehr als 100 Tote. — Ich möchte das nicht glauben.

Ihre Nachrichten konnte ich überhaupt nicht einordnen. Ich hatte doch grade noch rotweinselig über die furchtbaren Geschenke geschrieben, die die Schnullerfee heutzutage so bringt. Und jetzt las ich über Terror. In Paris.

Es war unbegreiflich.
„Was sage ich Olivier? Und wie? Und wann?“, fragte Charlotte.
Ihr Sohn ist viereinhalb. Er wird mehr verstehen und mehr fragen als Anna und ist zudem noch viel näher dran.
Ich hätte Charlotte sehr gerne einen Rat gegeben. Aber ich wusste keinen. Woher auch?

Neben mir schlief friedlich meine Tochter, der ich irgendwann mal schlimmere Wahrheiten beibringen muss als die, dass sie niemals eine Elfe sein wird. Auch nicht, wenn der Babyspeck weg ist.
Anna ist gerade erst drei geworden. Sie ist noch zu klein, um etwas von dem Terror mitzubekommen.
Diesmal. Hoffe ich.
„Wenn ich das nur wüsste“, schrieb ich zurück. „Annas größtes Problem war heute, dass ihr keine Flügel wachsen. Sie will eine Elfe sein.“

Olivier konnte nicht einschlafen, weil sein Superman-Schlafanzug zu klein ist und er einen anderen anziehen musste. Aber Montag wird das sicher Thema sein im Kindergarten. Seine Cousins werden darüber reden. Ich muss ihm doch was sagen. Ich bin doch seine Mama.“
Es wäre blauäugig, zu glauben, ich müsste meinen Töchtern nie schreckliche Bilder erklären.
Jeden Tag bieten die Nachrichten Stoff dafür, sich Gedanken darüber zu machen, wie man seinen Kindern Schlimmes schonend beibringt. Trotzdem ging der Terror in Paris heftiger ins Mark als andere, leider schon alltägliche, Schreckensmeldungen.

Ich hatte mal gelesen, dass Geschichten für kleine Kinder immer ein Happy End brauchen.
Auch wenn es keine Geschichte, sondern die Wirklichkeit ist, muss ein Vier- oder Fünfjähriger nicht alle Dimensionen und Auswirkungen eines Terrorangriffes erfassen.
„Sag ihm auf jeden Fall, dass die Bösen gefangen werden. Von der Polizei. Oder von Superman.“ Das hörte sich furchtbar naiv und albern an. Aber Charlotte konnte ja schlecht sagen: „Da sind ein paar Männer in eine Konzerthalle eingedrungen und haben einfach alle abgeknallt, die sie erwischen konnten. Tja, die Welt ist grausam. Jetzt geh‘ spielen.“

Durch Lillys Krankheit haben wir mit Anna oft darüber gesprochen, dass Mama und Papa manchmal traurig sind, dass auch Kinder ins Krankenhaus müssen, aber immer mit der Versicherung, dass sich ganz viele liebe Menschen um Lilly kümmern und ihr helfen. Wir haben gesagt, dass alles gut geht, obwohl wir wussten, dass es auch schlecht ausgehen kann.
Ein Arzt, der einem Baby hilft, ist ein tröstendes Bild für ein Kind.
Aber wie erklärt man einem Kind, dass Menschen anderen Menschen mit Absicht furchtbares Leid zufügen und dass der Arzt dann auch nichts mehr machen kann?

In Amsterdam hat Charlotte jeden, der mal traurig oder schlecht gelaunt oder sehr verkatert war mit ihrem Lieblingsspruch genervt „Don’t worry. There is always a silver lining“ – es gibt immer einen Silberstreif am Horizont.
„Where is the fucking silver lining?“ fragte Charlotte.

Wir waren ratlos.
An Schlaf war nicht mehr zu denken. Charlotte lag in Marseille mit Olivier in ihrem Bett. Ich in Essen mit Anna in meinem und wir texteten uns unsere Fassungslosigkeit hin und her.

Während ich noch in der ersten Schockstarre verharrte, wurde Charlotte schon richtig wütend.
Sie nahm die Angriffe persönlich. Und genau das waren sie doch auch. Sie fasste den Terror als das auf, was er war: Ein Anschlag auf ihre, meine, unsere ganz persönliche Freiheit.

Um zwei Uhr nachts standen wir auf und stellten jeder ein Teelicht ins Fenster.
Eins in Marseille, eins in Essen.
In der Zeit, in der Charlotte und ich zusammen in Amsterdam studiert haben, sprengten Terroristen in Madrid Vorort-Züge in die Luft. Die spanischen Studenten sind damals durchs Wohnheim gegangen, haben Kerzen verteilt und darum gebeten, sie im Gedenken an die Opfer und Zeichen gegen Gewalt ins Fenster zu stellen. Das hat den Opfern und Angehörigen genauso wenig geholfen, wie jetzt die Facebook-Profilbilder in eine Frankreich-Flagge oder einen Peace-Eiffelturm zu ändern. Aber wir, junge Studenten aus aller Welt, haben uns dadurch besser gefühlt, sind enger zusammengerückt – und haben zusammen weiter gefeiert. Vor allem Charlotte und ihr gutaussehender spanischer Erasmus-Schatten Antonio, mit dem sie viele Shots getrunken und mit jedem Wodka sehr laut „fuck the terrorists“, gerufen hat.
Auch jetzt war das wieder Charlottes Motto, auch wenn sie nicht mehr so viel Wodka vertrug: „Fuck them!“ schrieb sie mir ungefähr 80 Mal. „Fuck the fucking terrorists!“
Wir waren geschockt, hatten Angst.
„Aber ich will keine Angst haben. Ab morgen habe ich keine Angst mehr“, schrieb sie.
Wir nahmen uns vor, uns 2016 endlich mal wieder zu treffen.
Mit den Kindern. Oder besser ohne? Auf jeden Fall in Paris.
Wir schafften es, uns inmitten der Gefühle von Wut, Angst, Hilfslosigkeit, Trauer, Fassungslosigkeit ein bisschen Mut zuzusprechen und Zusammenhalt zu spüren, auch wenn wir nur zwei Muttis waren, die sich um ihr letztes bisschen Schlaf brachten, weil sie wohl das erste Mal wirklich Angst um die Welt hatten, in der ihre gut behüteten Kinder aufwachsen sollten.
Um vier Uhr kam die letzte Nachricht von Charlotte, ein eloquentes „Ok, fuck them. Bonne nuit.“
Um sieben dann die erste: „Olivier ist wach. Ich kaufe ihm gleich einen neuen Superman-Schlafanzug. Danke. Wir sehen uns in Paris.“

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