#muttimachtsport – Nur nicht die Nerven verlieren: Mama läuft Marathon. Fast.

Die Hose zwickte. Das Shirt spannte. Aber die Schuhe passten noch. Also musste ich raus. Heldenhaft bin ich bei Nieselregen durch den Wald gejoggt, in der Hoffnung, dass die Nähte (der Kleidung und des Kaiserschnitts) eine Runde lang halten. Michael Jackson trällerte mir ins Ohr, damit ich mich nicht von meinen eigenen Atemgeräuschen gejagt fühlte.

Ich war joggen. Schon drei Mal in diesem Jahr. Streng genommen drei Mal in den letzten beiden Jahren. Immerhin habe ich fünf Kilometer in einer Zeit geschafft, die andere für sechs, sieben oder zehn Kilometer benötigen.

Irgendwann in grauer Vor-Kinder-Zeit hatte ich mir mal zur Vor-Kinder-Figur passende Laufkleidung gekauft. Jetzt bin ich dabei, mir die zur Kleidung passende Figur zurückzuerlaufen.

„Aber du bist doch schlank“, sagt meine Schwiegermutter. „Musst du denn bei dem Wetter laufen gehen? Ich kann uns auch was kochen! Oder wir backen Waffeln!“, sagt sie, wenn sie vorbei kommt, um Lilly zu hüten, damit ich ganz allein durch den Wald rennen kann.

Schlank. Nun ja. Ein Körpergewicht im (abgerundet) mittleren zweistelligen Bereich bei einer Größe von (aufgerundet) Einssiebzig gilt wohl als einigermaßen schlank. Aber wie viele meiner Mitmütter musste ich nach einigen Schwangerschaften und Geburten eine erschreckende Beobachtung an meinem eigenen Körper machen: Das vorherige Gewicht wiederzuhaben bedeutet nicht, auch die vorherige Figur wiederzuhaben.

„Findest du auch, dass du jetzt irgendwie anders aussiehst?“, fragte ich meine Freundin kürzlich, als wir bei mir auf dem Sofa herumlümmelten und unseren dreijährigen Töchtern dabei zusahen, wie sie unser Bücherregal neu sortierten, während die Einjährigen Bauklötze durch den Raum schmissen. „Anders?“, fragte sie, donnerte ihre Kaffeetasse auf den Couchtisch und sprang auf. „Ich zeig‘ dir mal, wie ich aussehe“, schimpfte sie. Sie packte ein großes, prall gefülltes Sofakissen, schüttelte es einmal kräftig, sodass die gesamte Füllung in der unteren Kissenhälfte landete. „So! So sehe ich aus!  Alles ist eine Etage tiefer gerutscht und will nicht mehr hoch!“, fluchte sie und schleuderte das Kissen und sich selbst zurück auf die Couch.

Die nicht so einfach wieder aufzuschüttelnde Figur ist eine Sache. Aber es gibt einen viel wichtigeren Grund, warum ich wieder laufen gehe:
Ich jogge, um meine Kinder nicht anzuschreien.

Mein Jahr 2015 bestand eigentlich nur aus dem Ein- und Auspacken von Kliniktaschen für unser Baby Lilly und mich als Begleitung. Am Ende einer endlosen Reihe von im Krankenhaus auszukuierenden Infekten, Untersuchungen, Kontrollterminen und kleineren Eingriffen stand dann Lillys große Lebertransplantation mit zwei Monaten Klinikaufenthalt.

Wenn man permanent damit beschäftigt ist, nicht die Nerven zu verlieren, kommt es oft dazu, dass man sie verliert, wenn es am wenigsten angebracht ist. Es passiert eine klitzekleine Kleinigkeit und die stärksten Drahtseilnerven reißen einfach durch. Und beim Leben mit einer Dreijährigen passieren ständig klitzekleine Kleinigkiten: Ein umgeschütteter Becher. Ein heruntergeworfener Plastikteller. Eine nicht aufgehängte Jacke. Ein Trotzanfall beim Überqueren einer kaum befahrenen Straße. Matschspuren auf dem ohenhin nicht gewischten Boden. Die hundertste Warum-Frage oder das tausendste „ich muss aber erst noch…“.

Alles Situationen, in denen ich cool bleiben sollte und dann doch unkontrolliert rummeckere. Fünf Sekunden danach habe ich ein schlechtes Gewissen.

Ich laufe also eigentlich nicht für mich, sondern damit meine Tochter Anna eine ausgeglichene Mutti zu Hause hat. Und es wirkt: schon nach der ersten Stunde laufen – ok, es war eine halbe, gefühlt aber eine ganze – hatte ich den Kopf so frei wie lange nicht. Werbefensehmuttimäßig wischte ich alle umgeschütteten Getränke, Joghurtflecken und Matschfußabdrücke mit einem Lächeln auf den Lippen weg und beantwortete geduldig auch die abgedrehtesten Warum-Fragen.

Die Sache war also klar: Damit das Mutterschiff im Bermudadreieck von Kita, Küche* und Krankenhaus nicht untergeht, sollte es sich etwas bewegen. Deshalb habe ich es für eine Regatta namens Vivawest-Marathon angemedet. Der gemütliche Dampfer will es mit den schicken Yachten aufnehmen.

Natürlich habe ich mich nicht zu einem echten Marathon angemeldet. Auch nicht zum Halbmarathon. Aber zum Fast-Viertel-Marathon namens Zehn-Kilometer-Lauf. Offizielles Ziel: Lebend ankommen. Bei der Anmeldung musste ich eine erwartete Zielzeit angeben und habe in einem Anflug von Selbstüberschätzung H00M59S59 eingetippt. Heimliches Ziel: Weniger als eine Stunde nach dem Startschuss die Ziellinie zu überqueren. Auf zwei Beinen. Am besten meinen eigenen.

Noch 16 Wochen bis zum Fast-Viertel-Marathon.
Wer mag, kann mir auf dem Weg dahin ganz einfach folgen (auf Facebook, Instagram oder Twitter), denn ich bin leicht einzuholen. Noch. Denn Mutti macht jetzt Sport. (Nur nicht heute. Da regnet es und ich schreibe darüber, wie ich vor habe, fast einen ganzen Viertelmarathon zu laufen…)
Oder erzählt unter #muttimachtsport eure eigene unglaubliche Erfolgsgeschichte!

*die habe ich nur der schönen Alliteration wegen aufgeführt, eigentlich verbinge ich da nicht so viel Zeit, wie in den anderen beiden Einrichtungen.

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