Wie konnte das passieren? Gedanken zu „Eltern lassen schwer verletztes Kind in Notfallpraxis zurück“

Freitag Morgen. Ich wollte doch nur was lustiges bloggen und die Steuern machen. Aber vorher mal kurz die Zeitung durchblättern, ganz entspannt, bei einem Kaffee.

„Eltern lassen schwer verletztes Kind in Notfallpraxis zurück.“ Das steht da, in der WAZ, unter dem Bericht von der Bambi-Verleihung. „Die Wunden am Körper des Mädchens können (…) nicht von einem Unfall, sondern nur von heftigen Schlägen mit der Hand oder einem Gegenstand herrühren.“

Mir wird schlecht.

Das Mädchen, das jetzt im Krankenhaus liegt, ist vier Jahre alt. Genau wie meine Große.
Manchmal motze ich sie an. Danach habe ich ein schlechtes Gewissen. Auch wenn ich sie über die Straße zerre oder ihr gegen ihren Willen Winterschuhe statt Glitzerballerinas anziehe. Danach fühle ich mich wie die mieseste Mutter aller Zeiten.

Sie gibt mir dann den Blick der Enttäuschung. Musste das sein, Mama? War das, was ich gemacht habe wirklich so schlimm? Es ist der Blick, bei dem ich immer wieder denke, du hast Recht, Kind, es war nicht so schlimm. Einatmen. Ausatmen. Lächeln. Dann geht es viel besser. Es klappt nicht immer, aber immer wieder.

Wahrscheinlich kennt jede Mutter und jeder Vater diese Momente der völligen Überforderung, des Genervtseins, der Anspannung gepaart mit Stress und dieser unglaublichen Müdigkeit. Das große Kind will nach links, das kleine Kind nach rechts, der Mann wuselt in der Mitte herum und du weißt nicht mehr wo oben und unten ist.

Irgendwann springt die Sicherung raus und lässt den Muttidämon raus. Ich würde mich nicht wundern, hätte ich beim Rummotzen Stacheln auf dem Rücken, Glut in den Augen und Schaum vorm Mund.

Doof ist das. Das macht keinen Spaß. Niemandem. Das Gewitter ist nichtmal reinigend, sondern macht noch mehr dicke Luft. Wir arbeiten daran. Weil es so viel mehr bringt, mal kurz innezuhalten. Einatmen. Ausatmen. Lächeln.

Ein Erwachsener verprügelt eine Vierjährige. Wie kann es soweit kommen?

Irgendwo brennt bei einer Mutter oder einem Vater die Hauptsicherung durch.

Verprügelt. Ein erwachsener Mensch verprügelt eine Vierjährige.

Ich halte nichts von einem Klaps oder einer Ohrfeige. Absolut nichts. Gar nichts. Aber ich kann das Gefühl nachvollziehen, das dazu führt, seinem Kind eine langen zu wollen. Trotzdem mache ich es nicht. Einatmen. Ausatmen. Es ist ein Kind. Mein Kind.

Anschreien ist nicht okay. Schlagen auch nicht. Keine Diskussion.

Es gibt unvorstellbare Dimensionen der Misshandlung.

Was passiert nur in einem Menschen, der ein vierjähriges Mädchen verprügelt?

VERPRÜGELT. So sehr, dass sie mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus muss, notoperiert wird. Wieso drischt jemand auf ein Kind ein? Hört nicht auf zu prügeln, wenn ein kleines Mädchen auf dem Boden liegt? Die eigene Tochter?

Der Bericht lässt mich einfach nicht los.
Sind diese Eltern total verroht? Verzweifelt?
Was kann man tun, damit Eltern so etwas nicht machen?

Wie kann man das verhindern?

So etwas muss sich doch anbahnen. Man muss doch vorher etwas tun können, damit niemand jemals auf die Idee kommt, ein Kind zu verprügeln.

Wie hat sich in einem Vater oder in einer Mutter so viel Wut aufgestaut? Wie kann man den Familien helfen, bevor sich der geballte Frust, Aggression, Wut und Verzweiflung in einer Attacke auf ein kleines Mädchen entlädt?

In dem Kind ist mehr gebrochen als seine Knochen. Viel mehr. Alles.
Die Mutter wird den Blick ihrer Tochter nicht aushalten können. Hoffentlich.  Kann das Mädchen seine Mutter überhaupt noch ansehen? Der komplette Vertrauensverlust, Enttäuschung, Demütigung.
Trotzdem sehe ich schon das traurige Kind, dessen blaue Flecke noch nicht verheilt sind, wie es nach der Hand seiner Mama greift, weil doch eine Mama sowas eigentlich nicht machen kann. Und nicht zulassen kann. Und es nie wieder vorkommt. Versprochen. Bis es wieder passiert.

Wie kann ein Kind das jemals wegstecken? Bewusstlos geschlagen. Von den Eltern.

War es der Papa oder die Mama? Hat einer zugeschaut? Oder weggeschaut?
Was ist vorher passiert? Wie konnte das passieren?

„Das Paar (…) soll das Kind im Krankenhaus besucht haben.“

Das ist der Satz, bei dem endgültig vorbei ist mit meiner Fassung. Sie treten dort gemeinsam auf, als Eltern, als Paar, das zusammengehört. Damit fürchte ich, dass die Mutter den prügelnden Vater (oder umgekehrt, wenn auch unwahrscheinlich) auch noch entschuldigt, verteidigt oder dass die beiden gemeinsam ihr Kind misshandeln.

Ich kann kein Verständnis aufbringen, weil ich es nicht verstehe. Wo sind Hemmungen? Wo ist die Kontrolle? Ich verstehe Hilflosigkeit, Wut, Angst, Überforderung. Aber so eine geballte Aggression gegen ein Kind. Wieso macht es im Hirn nicht „Stop“?

Bei aller Fassungslosigkeit und Wut frage ich mich trotzdem: Was kann man tun, um Eltern, die solche schlimmen Gefühle haben und eine solche Aggression und Wut gegenüber ihren eigenen Kindern empfinden, zu helfen, bevor so etwas passiert?
Bevor es zu spät ist. Und es ist zu spät, auch wenn der Körper des Mädchens sich wieder erholt.

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