„Auf den Arm!“ – Mein Kind will nicht laufen

Sobald ich Anna ankündige, dass wir das Haus verlassen, verschränkt sie die Arme, macht ein paar Rumpelstilzchen-Moves und meckert: „Nicht schon wieder laufen! Immer muss ich laufen, laufen, laufen.“

Meine Tochter ist vier Jahre alt, wiegt 18 Kilo und will nicht laufen.

„Arm! Arm! Nur ganz kurz auf den Arm! Bitte!“, ruft sie nach spätestens 20 Metern.
Dann bleibt sie stehen, schmeißt sich auf den Boden oder bittet und bettelt darum, getragen zu werden.
Ich würde ja gern, aber mein Rücken macht da nicht mehr mit.

Aus Blogs von verständnisvolleren, geduldigeren und entspannteren Müttern weiß ich, dass man ein Kind auf keinen Fall irgendwo stehen lassen und einfach vorgehen sollte und es bitte auch nicht gegen seinen Willen über die Straße zerrt. Und anmeckern darf man es natürlich auch nicht.
Weiß ich ja alles. Finde ich auch alles doof.
Trotzdem könnte es sein, dass das schon ein bis zwölf mal bei uns passiert ist. Meist habe ich alle Fehler gleichzeitig begangen: Ich bin erst vorgegangen, um dann (natürlich) wieder umzukehren und sie meckernder Weise über die Straße zu zerren.

Geholfen hat es nicht. Kein bisschen.
Spaß macht es auch nicht, weder mir noch ihr. Was also tun, wenn man nicht als herzlose Kindertreiberin verschrien sein will?

Ich habe ihr gesagt: „Du hast zwei Möglichkeiten: Wir ziehen aufs Land, wo weder Kita noch Bäcker noch Supermarkt oder deine Freunde in weniger als einem Tagesmarsch erreichbar sind und wir für jede Erledigung das Auto nehmen. Oder du läufst.“

Sie hat sich fürs Landhaus entschieden, aber die Bank hielt sie nicht für kreditwürdig. Also mussten andere Lösungen her.

Mein Kind will nicht laufen.
Wie kann ich Kinder zum Laufen motivieren?

Hier zehn praxiserprobte Tipps, die meiner Tochter Beine machen. Sie haben sicherlich keinerlei pädagogischen Wert, aber sie funktionieren (ab und zu, wenn die Sterne günstig stehen, keine spannenden Dinge wie Blumen, Hundekacke, Autos oder Mülleimer auf dem Weg liegen und ich mit ihr allein unterwegs bin).

  • Wettrennen. Es klappt fast immer: „Mama, ich kann nicht mehr!“ – „Wer zuerst an der Laterne ist.“ Zack, weg ist sie. Es wird mir für immer unbegreiflich bleiben, warum jemand, der sich mit Händen und Füßen wehrt, im Schneckentempo einen Spaziergang zu machen, plötzlich Energie für einen Wettlauf hat. Aber manchmal sollte man keine Fragen stellen, sondern einfach schweigend genießen und langsam hinterhertrotten.
  • Ein Fahrzeug nehmen. Kein besonders schlauer Tipp, weil so naheliegend. Wer nicht laufen will, fährt. Zum Beispiel mit dem Laufrad, dem Roller oder dem Dreirad.
    Und wer nicht fahren will, der schiebt: Mit der Aufgabe, einen Puppenwagen zu schieben, läuft es sich leichter.
  • Etappenziele setzen: Bis zur Bank, bis zum Baum, bis zur Ampel – das ist übersichtlich, die nächste Pause ist in Sicht.
  • Geschichten erzählen: Während ich ihr etwas erzähle, läuft meine Tochter ganz gut mit. Eine Geschichte zu erzählen, und dabei auf zwei Kinder und den Verkehr zu achten, ist manchmal gar nicht so einfach. Es muss keine nobelpreisverdächtige Story sein. Man kann Charaktere nehmen, die die Kinder schon kennen und dann Elsa, Bibi Blocksberg und Jim Knopf auf ein gemeinsames Abenteuer schicken, z. B. eine Monsterjagd. Die Monster können die Kinder dann hinter Bäumen, Büschen oder unter parkenden Autos suchen. Bekannte Geschichten wie Märchen gehen besonders bei Waldspaziergängen ganz gut und die Kleinen halten nach Knusperhäuschen, bösen Wölfen und Zwergen Ausschau.
  • Verkleiden: Superhelden-Cape, Prinzessinnenkleid, Schmetterlingsflügel, Marienkäfer-Haarreif – manchmal geht sie einfach verkleidet zur Kita oder auch zum Einkaufen und ist damit viel motivierter. Letztens wollte die Große sogar freiwillig bei Kälte raus, um Schneeflocken mit der Zunge zu fangen – aber nur im Eisköniginnen-Kostüm. Warum nicht?
  • Schritte zählen: Ich habe mir eine Fitness-Uhr gekauft, die mir jeden Tag unter die Nase reibt, was ich sowieso schon weiß: Ich bewege mich nicht genug und schlafe zu wenig. Die Kinder finden es aber toll, dass man darauf herumdrücken kann und dann Zahlen und Symbole aufblinken. Neulich musste ich mit der Großen eine Wanderung von etwa einem Kilometer antreten. Sie trug die Uhr und an jeder Ecke hat sie drauf gedrückt und ich habe ihr vorgelesen, wie viele Schritte sie schon geschafft hat.
    Schritte zählen geht natürlich auch ohne Uhr, wenn man so weit zählen kann.
  • Mein Hut, mein Stock, mein Regenschirm – oder andere Spiele, bei denen man Strecke macht und es gar nicht wirklich merkt: Große Schritte, Trippelschritte, schreiten, hüpfen, rückwärts oder seitwärts laufen – als Mutter sollte man keine Scheu haben, sich mal ein bisschen zum Affen zu machen.
  • Der ultrageheime Profi-Tipp: Mit Smarties anfeuern. Da ich in puncto gesunder und ausgewogener Ernährung sehr konsequent bin, hatte ich neulich (ausnahmsweise) eine (kleine) Packung Smarties in der Tasche. Mit den Farben haben wir ein Spiel gespielt: Das rote Smartie gibt Kraft bis zum roten Auto, das grüne bis zum Baum, das gelbe bis zum gelben Haus usw.  Funktioniert auch mit Gummibärchen.
  • Und wenn gar nichts mehr geht und sie ja schon so tapfer gelaufen ist: Na gut – Ein kleines Stück auf den Arm, auf die Schultern oder auf den Rücken, das gibt auch wieder Kraft (leider nur dem Kind) und meist akzeptiert sie es anstandslos, wenn ich ihr vorher sage, dass sie an der nächsten Garageneinfahrt oder an dem großen Baum da hinten wieder absteigen muss.

Läuft bei uns.

Habt ihr auch lauffaule Kinder? Wie treibt ihr sie an?

2 thoughts on “„Auf den Arm!“ – Mein Kind will nicht laufen

  1. Ich ergänze um: Laufrad anschaffen! Ich habe früher immer über die großen vierjährigen Kinder in Buggys gelästert, aber mittlerweile verstehe ich die Verzweiflung der Eltern. Mein Dreijähriger läuft auch nicht gern und da wird schon der Gang zum Bäcker zur Geduldsprobe. Aber: Er liebt sein Laufrad! Mit Zweieinhalb hat er Laufradfahren gelernt und seitdem machen wir alles mit dem Ding. Selbst längere Strecken (bis zu 2 km) sind kein Problem mehr. Mittlerweile wünscht das Hübchen sich sogar ein Fahrrad und auch wenn ich früher immer dachte, drei Jahre sei zu früh zum Fahrrad fahren, denke ich jetzt: Soll er kriegen, Hauptsache die Fortbewegung geht schnell. 😉

  2. Wir spielen oft Detektiv, Polizei oder Schatzsucher. Dabei werden wir manchmal verfolgt und verstecken uns hinter der nächsten Ecke, laufen hinter imaginären Dieben her oder finden Hinweise oder Schätze beim nächsten Baum/ Schild etc.
    Beim Abholen vom Kindergarten kann man auf dem Ginweg auch Pfeile oder Aufgaben auf den Gehweg malen. Bis zum nächsten Regen ist der Weg dann ein toles Highlight.

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