Mutti allein zu Haus

Wie gern ich allein bin, weiß ich erst, seit ich Kinder habe. Nämlich sehr gern.

You don’t know what you got till it’s gone.

Sobald Kinder da sind, ist man ja nie wirklich allein. Erst recht nicht zu Hause. Wenn dann nur kurz. Und dann räumt man auf. Alleine rausgehen geht ja irgendwann ganz gut. Aber allein in den eigenen vier Wänden? Unvorstellbar. Plötzlich öffnet das Universum mir eine Tür, hinter der ungeahnte Möglichkeiten warten. Die Familie fährt weg. Mit den Großeltern. Aber ohne mich. Ein ganzes Wochenende.

Freitag.

Ich arbeite etwas länger. Nicht zu lange. Nur ein kleines bisschen. Ich muss niemanden abholen. Es ist schon dunkel draußen und meine Finger hüpfen noch über die Tastatur. Kollegen gehen vor mir. Arbeiten, bis man fertig ist. Nicht bis die Kita zu macht. Wie so ein Workaholic.

Ich fahre nach Hause und gehe bummeln. Bum-meln. Allein. So bummelig, dass jedes Rentnerpaar neidisch wird. Ich kaufe mir einen neuen Nagellack.

Im Sushi Haus wird es gerade voll. Ich bestelle die Gourmet Platte und ein Portion Tekka Maki extra. Zum Mitnehmen. Natürlich. Meine freie Zeit möchte ich keinesfalls in Gesellschaft verschwenden. Es nieselt ein wenig.  Ich setze meine Kapuze auf bummle weiter nach Hause. Niemand ist da. Nur die Katze schnurrt mich an.

Ich gebe ihr Futter. Niemand sonst will Futter von mir. Die Katze geht allein aufs Klo und wünscht nicht, dass ich sie begleite. Sie ruft nichtmal, als sie fertig ist. Sie möchte auch nicht, dass ich ihr etwas vorlese, sie Huckepack nehme oder mit ihr puzzle. Sie legt sich einfach hin und schläft ein.

Ich esse. Vor. Dem. Fernseher. Schaue Boulevardmagazine und Vorabendserien. Zünde Kerzen auf dem Couchtisch an. In Kinderhändehöhe.

Nach dem Essen lasse ich einfach alles stehen. Ich öffne eine Flasche Sekt. Nach dem ersten Schluck habe ich eine Idee. Völlig verrückt. Etwas Verbotenes tun. Mein Herz klopft schneller, als ich alles zurechtlege.

Sorgfältig lackiere ich meine Nägel. Zwei Schichten Rot. Top Coat.
Dann ist es so weit.

Ich drehe die Nagellackflasche zu und stelle Gute Zeiten Schlechte Zeiten lauter. Jo Gerner ist immernoch da. Als wäre ich nie weg gewesen. Ich lege die Füße auf den Tisch und zünde mir eine Zigarette an. In. Der. Wohnung.

Keine halbe Stunde später werde ich mich über den Gestank aufregen, alle Fenster aufreißen, sodass es reinregnet und der Wind die Kerzen auspustet. Aber für die Länge einer roten Gauloises schaue ich durch den Rauch abwechselnd auf meine frisch lackierten Fingernägel und Jo Gerner und finde ich mich ein bisschen cool.

Es ist Freitagabend, 21 Uhr. Ich bin müde. Aber ich habe rot lackierte Nägel, jede Menge Zeit und niemanden, für den ich am nächsten Tag aufstehen muss.

„Gin Tonic?“, texte ich meiner Freundin, die lange arbeitet, keine Kinder hat und nie so früh müde ist wie ich.

Wir treffen uns um 22 Uhr (!) und laufen durch die Stadt. Um 22 Uhr noch raus. Jung und verwegen.  Es ist kalt, aber es hat aufgehört zu regnen. Die bunten Lichter, die vielen Menschen, meine Freundin untergehakt. Es fühlt sich an, wie ein Abend von früher, an dem man jemand kennenlernen könnte, den man heiratet und mit dem man Kinder bekommt. Ach Mist, das ist ja alles schon passiert.

Der Gin Tonic schmeckt trotzdem. Jeder einzelne.

Samstag.

Ich werde einfach so wach. Von ganz allein. Ohne Fuß im Gesicht.

Die Katze kriegt Futter.

Ich hole meine Zeitung, die sonst meist ungelesen ins Altpapier wandert ins Bett. Dazu einen Kaffee. Im Lokalteil werden die Veranstaltungen angekündigt, zu denen ich auf gar keinen Fall gehen werde. Ein 10-Kilometer-Lauf ist mein einziger Termin an diesem Wochenende. Meine Gin-Tonic-Freundin kommt mit und feuert mich an. Die Kinder schicken ein Video. „Lauf ganz schnell Mama, ja? Tschühüüüss!“ Weg sind sie und ich laufe.

Danach sitze ich bei meiner Freundin in der Küche. Wir essen und quatschen. Ohne auf die Uhr zu schauen. Irgendwann am Nachmittag schließe ich die Wohnungstür auf. Die Wohnung sieht noch genauso aus, wie ich sie verlasse habe. Kein Kinderschuh, über den ich stolpere, keine Wasserfarbwasserspuren im Flur. Niemand, der auf mich zu gerannt kommt. Nicht mal die Katze.

Ruhe.

Nach dem Duschen mache ich wieder etwas völlig Verrücktes. Diesmal ohne Rauchentwicklung. Ich hole mir ein Buch aus dem Regal, nehme mir meine Wolldecke und lese. Es könnte sein, dass ich kurz eingenickt bin. Mitten am Tag. Auf meiner Couch. Es könnte auch sein, dass ich danach nur noch aufgestanden bin, um dem Pizzaboten die Tür zu öffnen und mich ansonsten nur dem Schicksal der Bewohner von Downton Abbey gewidmet habe.

Sonntag.

Von alleine wach werden ist einfach himmlisch. Ausgeschlafen. Bis sieben.

Ein kurzer Sonnengruß. Kaffee. Noch einen halben Tag. Einfach mal aufräumen, ohne, dass sich das übliche Sisyphos-Feeling einstellt. An diesem Wochenende ist nicht ein einziges Mal die Spülmaschine gelaufen. Ich suche verzweifelt Kaffeetassen und Katzenfutterschalen, um sie voll zu kriegen.

Wenn ich malen könnte, könnte ich jetzt malen.

Ich könnte einen Film gucken. Oder Lesen. Oder Schreiben. So viele Türen, ich muss sie nur öffnen. Hinter einer Tür steht eine Badewanne. Hinter einer anderen mein Sofa und das Buch von gestern.

Mittags koche ich Spaghetti, damit die Spülmaschine wieder was zu tun kriegt und die Kinder sich freuen.

Das ungewöhnlichste am Alleinsein ist die Zeit die man hat, um mal einen Gedanken zu Ende zu denken. Zum Beispiel über das Alleinsein. Das nie mehr so sein wird wie zuvor. Früher war man einfach mal allein. Weil sich das so ergeben hat. Oder weil man eben mal allein sein wollte. Es hat nichts gefehlt, wenn man allein war und bei sich sein konnte. Jetzt ist das Alleinsein selten und begrenzt und mit dem Druck beladen, etwas Sinnvolles zu tun, wo man doch schon mal allein zu Hause ist. Das Schwierigste am Alleinsein ist es, sich zu erlauben, allein nichts zu machen. Niemanden zu treffen. Niemanden anzurufen. Keine Häkchen auf der To-Do-Liste des Familienlebens zu setzen. Die Zeit einfach verstreichen zu lassen.

Nach dem Essen stehe ich am Fenster. Unser Auto biegt in die Straße ein. Ich bleibe an der Tür stehen und warte auf das aufgeregte Klingeln.

„Mamaaa!“, höre ich sie schon von draußen. Die Große stürmt herein. Der Papa hat die zappelnde Kleine auf dem Arm. Alle lachen. Endlich. Nicht mehr allein.

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