Neues aus dem Mamiversum – Folge1: Wie weit würdest du gehen, für einen Kitaplatz?!

Das Mamiversum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2018. Dies sind die Abenteuer des Mutterschiffs, das mit seiner vier Mann starken Besatzung seit fast sechs Jahren unterwegs ist und fremde Galaxien (Indoorspielplatz, Elternrat) erforscht und neue Zivilisationen (in Brotdosen und Regenjackentaschen) entdeckt. Viele Lichtjahre von seinem alten Leben entfernt, dringt das Mutterschiff in Galaxien vor, die nie ein Kinderloser je gesehen hat.

Heute: Die Kitaplatzsuche

Kitaplätze sind rar. Wer einen haben will, der muss zeigen, dass es ihm ernst ist. Und wer dachte, die Jobsuche sei schwierig, hat noch keine Bekanntschaft mit der Kitaplatzsuche gemacht. Man schreibt dutzende Bewerbungen auf Stellen, von denen man nicht genau weiß, ob sie das Richtige sind. Weil zu weit weg, schlechte Öffnungszeiten, keine Bio-Kantine im Haus. Ich war mir sicher, dass das Mamiversum es gut mit mir meint und dem kleinen Kind einfach einen Platz in der Nachbargruppe des großen Kindes zuteilt. Stattdessen schickte es das Mutterschiff auf eine Odyssee, von der noch Generationen berichten werden.

Schritt1: Erstmal eine Portion Vitamin B

Der Entschluss steht fest. Das kleine Kind ist reif für die Kita. Es darf den sicheren Hafen der Tagesmutter verlassen. Als erstes setzen wir auf Vitamin B: In der Kita-Szene sind wir bestens vernetzt. Wir kennen da eine ganz nette Fünfjährige. Die wollte sich umhören und ein paar Mal den Frühstückstisch freiwillig decken, um einen Platz für ihre Schwester klar zu machen. Immerhin gehört sie schon zu den Großen und kennt sich aus. Aber wir haben wohl ihre Position im Kita-Gefüge überschätzt. „Wir würden Ihre Tochter sehr gern nehmen, aber ich kann aktuell nichts versprechen. In der Altersgruppe wird regulär kein Platz frei“, sagte die Kita-Chefin an einem stürmischen Wintertag zu uns. Mist. Unsere V-Frau konnte nichts ausrichten. Vielleicht sollte sie der Kita-Leitung den Kopf ihres Barbie-Pferdes ins Bett legen? Erstmal versuchen wir, legal an einen Alternativplatz zu kommen.

Schritt 2: Bewerbung hochladen und warten

Wir lassen uns nicht unterkriegen und starten frohen Mutes die Mission Kitaplatzsuche 2.0. Natürlich läuft das 2018 alles über ein Online-Portal. Immerhin, denke ich, so bleibt uns der Einschleim-Besuch mit zuckerfreien Muffins erspart. Wir laden unsere Bewerbungsunterlagen hoch und warten.

Schon zwei Tage später bekommen wir die erste Einladung zu einem persönlichen Gespräch. Läuft bei uns. Wir dürfen vorsprechen bei einer Elterninitiative. Das klingt schon mal höchst suspekt. Eltern müssen – wie der Name schon sagt – Initiative zeigen. Es handelt sich um eine Kita, in der die initiativen Eltern kochen, waschen, streichen, putzen und Dinge für den jährlichen Flohmarkt basteln müssen (ich meine natürlich wollen). In einer Einrichtung, in die man die Kinder gibt, weil man arbeitet, soll man alle Dinge tun, die man zu Hause wegen eben dieser Arbeit und besagter Kinder nicht schafft. Willkommen in der Matrix.

Schritt 3: Das Vorstellungsgespräch versauen

Im Vorstellungsgespräch sitze ich auf einem Kinderstühlchen, mit gegenüber vier Erwachsene, ebenfalls auf Kinderstühlchen. Ich versuche, den Rücken gerade zu halten und ihren „Engagierte-Eltern-Look“ zu imitieren und so Punkte zu sammeln. Man duzt sich zwar unter initiativen Eltern, aber davon darf man sich als Mutter nicht einlullen lassen. Sie sind unerbittlich.

Warum wir uns denn ausgerechnet diese Kita ausgesucht hätten? Wie im Jobinterview ist hier nicht gefordert, die Wahrheit zu sagen. Ach herrje, wir brauchen halt einen Kitaplatz und wir wohnen ums Eck – wäre in diesem Fall die wahre, aber falsche Antwort.

Was uns am Konzept besonders überzeugt habe? Konzept? Es gibt ein Konzept?

Ob es auch kein Problem sei, ein wenig Elterninitiative zu zeigen? Kein Ding. Wir putzen ja zu Hause so selten, da freuen wir uns, wenn wir hier dazu kommen. Und wir lieben Matrix!

Ob es ein Problem sei, dass das Kitajahr direkt mit drei Wochen Schließzeit beginnt? Natürlich überhaupt kein Thema bei zwei berufstätigen Eltern mit einem Kind in einer anderen Kita mit anderen Schließzeiten. Da sind wir ultra-flexibel.

Am Ende des Gesprächs folgt der übliche Satz: „Ruf‘ DU uns NICHT an. WIR melden uns.“

Schritt 4: Panisch überall anrufen

Mir schwant, dass es nicht so gut gelaufen sein könnte und starte eine Telefonlawine bei Full-Service-Kitas im näheren Umkreis. Wenn man einfach mal so bei einer Kita anruft und nach einem Platz fragt, kommt man dort ähnlich gut an wie bei Unternehmen, bei denen man irgendeine Nummer wählt und fragt, ob man nicht irgendeinen Job haben könnte. Von freundlich aber bestimmt abgebügelt werden („Wie alt?? Dat könn’se vergessen bis 2023“!!) bis „Ich stelle Sie durch“ und dann drei Tage den Hörer daneben legen war alles dabei.

„Natürlich können Sie vorbeikommen. Jeden ersten Montag im Monat von 9 bis 11“, sprach es am ersten Dienstag im Monat und ich wünschte mir die großzügigen Öffnungszeiten des Magisterprüfungsamtes zurück. Das hatte immerhin zwei Mal in der Woche für 30 Minuten geöffnet.

„Vorbeikommen???!?? Sie können erst vorbeikommen, wen Sie über das Online-Portal eine Zusage erhalten haben!“ Ah. Ha. Erst der Job, dann das Vorstellungsgespräch. Wie kommen wir nur auf die Idee, so hohe Ansprüche zu stellen? Die Kita sehen, bevor wir das Kind dahin schicken?  Etwa von innen?? Womöglich wollen wir auch noch die Erzieher mit Namen kennen und wissen, was es da zu essen gibt. Verrückt, diese Eltern von heute.

An einem Freitagabend, als wir gerade mit zwei nölenden Kleinkindern im Auto sitzen, kommt die Absage der Elterninitiative. Es sei sehr knapp gewesen, flunkert die Stimme am anderen Ende, aber man habe eben nur soundsowenige Plätze zu vergeben und wünsche uns alles Gute, auch privat.

Schritt 5: Die ultimative hardcore Eltern-Challenge aka Waldorf-Kita

Wir geben nicht auf. Wer der ganzen Welt zeigen will, dass er einfach alles tut, um einen Kitaplatz zu bekommen, muss es bei der Waldorf-Kita versuchen. Die Elterninitiative kann einpacken. Kitaplatzsuche hardcore gibt es nur bei original Waldorf.

Hier wird die Motivation der Eltern, einen Kitaplatz zu bekommen, richtig auf die Probe gestellt. Initiative reicht nicht. Hier müssen die Eltern den Kitaplatz LEBEN. Mit einem schnöden Vorstellungsgespräch ist es nicht getan. Die Waldorfkita bittet zum Assessment-Center. Drei so genannte Info-Abende sind angesetzt. Alle Eltern kommen gleichzeitig zum Wettstreit um die Gunst der Pädagogen.

Im Foyer ist die Stimmung wie bei der öffentlichen Besichtigung einer kernsanierten Altbauwohnung mit Riemchenparkett, direktem Gartenzugang und Kinderzimmer. Alle finden es schön hier. Und alle wissen: Nur einige von uns können Germanys Next Top Parents werden. Also legen wir das Konkurrenzdenken ab wie die Mädchen in Heidis Modelvilla und faken ein Lächeln. Natürlich freuen wir uns total, diesen verregneten Wintertag nicht vor dem Fernseher verbringen zu müssen, sondern mit 25 Unbekannten um drei Kitplätze buhlen zu dürfen.

Nach der herzlichen Begrüßung, bei der alle Ex-Waldorf-Schüler-Jetzt-Selber-Eltern ganz unaufdringlich und beiläufig ihre eigene Waldorf-Vergangenheit erwähnen, sitzen 20 erwachsene Menschen im Stuhlkreis und versuchen, interessiert und aufgeschlossen zu gucken.

Die hochmotivierten Erzieher geben sich alle Mühe, den hochmotivierten Eltern ihr Konzept zu präsentieren. Was sie sagen ist aber egal. Alle möchten ihre Kinder gern in diese hübsche Kita schicken. Die Erzieher könnten auch mit ihrer verständnisvoll-ruhigen Pädagogenstimme erklären, regelmäßig mit den Kindern Exorzismus zu praktizieren und Voodoo-Puppen aus Biobaumwolle zu nähen. Wir Eltern würden uns weiter ein Battle im zustimmend Nicken und anerkennende Laute ausstoßen liefern.

Aber es gibt Schlimmeres als Exorzismus. Wir lernen, dass Fingerspiele und Reigen ganz fest zum waldörflichen Kitaalltag gehören. Und damit wir das nicht nur in der Theorie hören, sondern auch am eigenen Leib erfahren, dürfen wir zum Auftakt vier jahreszeitliche Fingerspiele erlernen und so tun, als hätten wir vor, diese für unsere Kinder zu Hause jeden Morgen nachzuspielen.

Ohne die Situation auch nur entfernt befremdlich zu finden oder gar einen Hauch zarter Ironie in seine Stimme zu legen, reimt der junge Erzieher erst über den Frühling, dann über den Sommer. Dann über den Herbst. Und weil es gar so schön ist, auch noch über den Winter. Dabei bewegt er seine Fingerchen und Händchen im Takt hin und her. Und alle machen mit. Allen voran mein Mann, ebenfalls weit entfernt von jedem Fremdschämgefühl.

Aber das ist längst nicht alles. Der Höhepunkt des Abends steht uns noch bevor. Wir dürfen einen Reigen tanzen. Um in den Tanzraum zu gelangen, gehen wir Hand in Hand in einer Reihe die Treppe hinauf. Was man so macht unter Eltern. Was dann passiert ist fast unaussprechlich. Es kommen erwachsene Männer darin vor, eventuell sogar mein eigener, die mit ihren Händen Häuschen über ihrem Kopf formen und fröhlich im Wichtelschritt durch den Raum trippeln. Das muss als Beschreibung reichen.

Bei der Verabschiedung möchte ein forscher Vater wissen, wie er sich beim Reigen geschlagen habe. Ob er durch seinen motivierten Tanz die Chancen für seinen Erstgeborenen erhöht habe.  Doch die erfahrene Erzieherin behält ihr Pokerface. Wie die Kitaplatzvergabe genau verläuft, ist ein wohlgehütetes Geheimnis. Geheimer und undurchsichtiger als der Google-Algorithmus – man weiß nicht ganz genau, wie die Treffer zu Stande kommen und was man tun muss, um ganz oben auf der Liste zu stehen, ohne viel Geld dafür zu bezahlen.

Schritt 6: Dem Mamiversum vertrauen

Beim Rausgehen flüstere ich zu meinem Mann: „Ich brauche einen Schnaps“.

Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, aber anders als beim Wichteltanz. Dass die nette Erzieherin das gehört habe, sei schlimmer gewesen sei, als mein unkontrolliertes Lachen beim Reigen, den ich wohl nicht ernstgenommen und damit ohnehin schon unsere Chancen geschmälert habe. Im Gegensatz zu mir steht er auf Ausdruckstanz (was er schon im Geburtsvorbereitungskurs sehr eindrucksvoll demonstriert, dann aber bei den Geburten nicht angewandt hat).

Ob wir eine Chance hatten, in den Recall zu kommen? Oder wären wir tatsächlich aufgrund meines zweifelhaften Verhältnisses zu Hochprozentigem und akuter Reigenverweigerung im Casting rasgeflogen? Das bleibt ein auf ewig ungelöstes Familiengeheimnis. Auch kamen wir nicht in den Genuss, die Tänze und Spiele der beiden weiteren Veranstaltungen kennenzulernen. Denn schon am Morgen nach dieser Grenzerfahrung (noch bevor ich mir Schnaps besorgen konnte) kommt die Leiterin unserer Kita strahlend auf mich zu. „Eine Familie zieht um! Sie können einen Platz haben!“

Mir fällt ein Stein vom Herzen, die Kinder geben sich High Five und ich bin sicher, das Mamiversum wollte mir einen Wink geben, mich dankbar zu zeigen und wieder höchst freiwillig für den Elternrat zu kandidieren.

 

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