Einschulung – ist der Ernst des Lebens ein Grund zum Feiern?

„2021 werden Legenden eingeschult“ – das steht auf einem Turnbeutel einer aktuellen Einschulungs-Merchandise-Kollektion. (Natürlich kein Affiliate-Link – Ich bekomme nix, wenn ihr drauf klickt). Da hinein stopfen ambitionierte Eltern die nigelnagelneuen Hallenturnschuhe (mit heller glatter (!) Sohle) ihrer I-Dötzchen. Und machen damit gleich klar, was ab dem Tag der Einschulung erwartet wird. Abi 2034, mindestens. Besser noch 2033. Gib dir mal Mühe. Und lass bloß nicht den Beutel mitsamt der elterlichen Hoffnung im Bus liegen. Aber angehende Legenden werden natürlich zur Schule gefahren – und zwar nicht vom Busfahrer.

Die Einschulung wird – Corona hin oder her – größer gefeiert als das Abitur. Dabei bestand die Lebensleistung des Kindes bis dato nur darin, bis zu einem bestimmten Stichtag sechs Jahre alt zu werden. Was erwartet es dann erst, wenn es tatsächlich einen Abschluss hinbekommt? Gar ein Abitur. An einem Gymnasium. In Baden-Württemberg. Da muss dann mindestens ein Grammy-Gewinner aus der Torte springen, um den fondantgedeckten dreistöckigen Schultütenkuchen noch toppen zu können.

Einschulung – Was feiern wir da eigentlich?

Bei uns wird schon das zweite Kind eingeschult. Aufgrund gewisser Erfahrungswerte frage ich mich – während ich mir zum zwölften Mal den Zeigefinger an der Heißklebepistole verbrenne, weil ich, obwohl ich Basteln weder mag noch kann, eine personalisierte Schultüte zusammenkleistere: Was zur Hölle feiern wir da eigentlich? Diesen Ernst des Lebens? Dass wir nur noch in den Ferien Urlaub machen können? Dass wir jeden Nachmittag, vorausgesetzt die Schule öffnet überhaupt ihre Pforten, zerknüllte Zettel mit wahnwitzigen Anweisungen aus dem Tornister fischen?

Zum Beispiel: „Bitte bearbeiten Sie mit Ihrem Kind im Mathebuch noch eben die Seiten 13 bis 327. Wir mussten heute bunte Bilder malen und hatten dafür leider keine Zeit. Danke.“ Oder: „Denken Sie bitte daran, dass wir (also Ihr Kind) morgen eine Lernzielkontrolle schreiben. ALLES, was wir jemals im Unterricht angerissen haben, wir darin abgefragt. Ja genau, auch das Zeug aus dem Homeschooling. Aber hey, keinen Stress, gibt ja noch keine Noten. Nur sehr differenzierte Bewertungen jeder denkbaren Splitterdisziplin aller Haupt- und Nebenfächer. Viel Glück.“

Die Einschulungsfeier ist eine Abschiedsfeier

Eigentlich ist die Einschulungsfeier eine Abschiedsfeier. Wir Eltern verabschieden uns. Vom lockeren Kita-Lifestyle der Kinder. Vom Leben ohne endlos lange Listen mit To Dos und Aufgaben und Zielen und Deadlines. Vom Leben ohne Bewertung. Und von der Zeit, in der allein uns Großen die Schriftsprache zur Verfügung stand. Das einzige, worauf man sich wirklich freuen kann, sind die ersten selbstgeschriebenen Zettelchen, die die Kinder einem plötzlich zustecken. Die machen den Stress, der plötzlich aufkommt, ein bisschen wieder gut.

Mit der Einschulung beginnt der Ernst des Lebens – für die Eltern

Die Materialliste der zum ersten Schultag zu besorgende Gegenstände könnte auch in einem Escape-Room hängen:

  • Gehen Sie in Ihr Lieblingsantiquariat und besorgen Sie die Erstausgabe von „Schrift und Schreiben für Hoffnungsträger“
  • Beschriften Sie jeden einzelnen Gegenstand, den Ihr Kind jemals mit in die Schule bringen könnte, mit wasserfesten aber bitte ungiftigen Stiften. In Druckbuchstaben, selbstredend.
  • Schleichen Sie sich bei Vollmond auf eine Koppel. Schneiden Sie einer trächtigen Einhornstute ein Haarbüschel aus dem Schweif. Binden Sie daraus vor Sonnenaufgang drei Pinsel.

Bitte alle Ausschneideaufgaben ernst nehmen

Wenn die Materialliste abgehakt und die Einschulungstorte verspeist ist, gilt es, das Kind einzupassen ins Schulsystem. Ziel: Gutes Mittelmaß mit Tendenz nach oben. Alles andere fällt zu sehr auf. Es soll gut sein, aber kein Streber. Anderen helfen aber auch Hilfe annehmen. Schlechte Noten sind okay, aber auch nicht zu schlecht. Setzen Sie Ihr Kind nicht unter Druck. Aber sorgen Sie dafür, dass es abliefert. Fördern und fordern, aber nicht überfördern und überfordern. Wo die Grenzen liegen? Bitte selbst ausloten! Ach ja, die Ausschneideaufgaben für Reli sind durchaus ernst gemeint. Danke für Ihre Unterstützung.

Deadlines für alle

Bitte denken Sie nicht nur an Ihre Job-Deadlines, sondern auch an das Kunst-Bild mit dem Deckweiß-Experiment, das bitte bis gestern aufs Padlet hochzuladen war. Fragen Sie bitte nicht schon wieder nach dem Link. Den sollten Sie mittlerweile mal auf Ihrem Endgerät abgespeichert haben. Und bitte auch ab und zu mal zu Hause Tanzvideos nachgrooven, weil wir grad keinen Sportunterricht anbieten dürfen und Sie leider den Legenden-Turnbeutel umsonst bestellt haben.

Lehrerinnen-Weisheiten fürs Leben

Aber wie unser Omma schon wusste: Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir. Und ab und zu bekommen die Schulkinder von ihren Lehrerinnen Weisheiten mit auf den Weg, neben denen Muttis morgendliche Yogi-Tee-Sprüche einpacken können:

Das große Kind hat das Mathe-Talent seiner Mutter geerbt und fand schon in der ersten Klasse folgenden Kommentar unter ihrer recht kreativ bearbeiteten Rechen-Challenge: „Aufgabe nicht verstanden, aber sich viel Mühe gegeben“ – wenn das kein Lebensmotto ist, das man sich auf den Grabstein meißeln lassen möchte…

In diesem Sinne eine schöne Einschulungs-Zeremonie und eine legendäre Schulzeit! Oder, um eine liebe Kollegin zu zitieren, deren Sohn am zweiten Schultag fragte, wie lange er da noch hinmüsse: „Nur noch zwölf Mal Geburtstag, dann ist es vorbei!“

 

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