Wir haben versagt – Teil 2: Impfen ist voll Achtziger

Ok, das mit den Uterusfarben im Kreißsaal hatte ich verbockt. Ich musste mir etwas einfallen lassen, um den farbpsychologischen Fauxpas wieder gut zu machen. Also beschloss ich, meine Tochter vor schlimmen Krankheiten zu schützen und sie impfen zu lassen.  Es gab die volle Dosis: Pneumokokken, 6-fach-Kombi gegen Keuchhusten, Kinderlähmung, Hepatitis-B und andere böse Sachen und weil wir schonmal da waren, noch Rotaviren oben drauf.

Dass man friedlicher über Religionen diskutieren kann, als übers Impfen, wusste ich nicht. Eigentlich wollte ich beim Elterntreff nur angebermäßig berichten, dass meine Tochter ein tapferer kleiner Impfling war und nur ganz kurz beim Pieksen aufgeheult hat (ich auch, aber auch nur ganz kurz). Doch dazu kam es nicht mehr. „Roootaviiiiiren??? Warum das denn???“ schallt es aus einer Ecke. Die Supermutti hatte gesprochen. „Ähm.. naja… Damit sie keinen Brechdurchfall bekommt…!?“, antworte ich und merke, dass es ihr nicht um Durchfallerkrankungen meiner Tochter sondern ums Prinzip geht. „Dieses Geimpfe ist doch nur Geldmacherei der Pharmaindustrie“, schimpft sie weiter. „Ich werd‘ wohl gar nicht impfen lassen.“ Ihr Sohn kam im uterusfarbenen Kreißsaal zur Welt -immunisiert das auch gegen Krankheiten? „Also die Cousine der Kollegin der Schwester meines Mannes hat ihre drei Jungs alle nicht impfen lassen und die ham‘ nix“, setzt sie nach. Mein Gegenargument, dass Helmut Schmidt noch nicht an Lungenkrebs gestorben sei, spreche nicht allgemein für die lebensverlängernde Wirkung des Rauchens, zieht nicht.

Ob ich mich denn nicht informiert hätte, bohrt sie weiter. Doch, doch, ich hab mich voll gut informiert und Pneumokokken gegoogelt, weil ich nicht wusste, was das ist. Ich weiß es jetzt auch nicht mehr (Pneumo muss ja was mit Lunge sein und wenn damit was ist – immer schlimm). Jedenfalls war das Suchergebnis gruselig genug, um mich von der Impfung zu überzeugen.

Eigentlich hatte ich vor, den Impfpass meiner Tochter in den nächsten Jahren ziemlich vollstempeln zu lassen. Das wurde mir sozusagen eingeimpft: Meine Schwester und ich sind (O-Ton meiner Mutter) „scheckheftgepflegt“ – und wir ham‘ auch nix. „Das war ja auch in den Achtzigern – da wusste man noch nicht so viel über die Risiken“ – so die gut informierte Supermutti. Aha – in den Achtzigern war Impfen wohl noch angesagt. Aber da hat man die Kinder auch zum Schlafen auf den Bauch gelegt, ordentlich mit Wundschutzcreme eingeschmiert und Ersatznahrung war cool. Das Impfen also ein Anachronismus?

Supermuttis Sohn solle ein paar Kinderkrankheiten ruhig durchmachen, das härte ab. Ja klar, erst den Jungen wie ein Weichei in Uterusfarben gebären und dann schön Pneumokokken und Keuchhusten durchmachen lassen? Ich würd‘ mich gern drauf einigen, dass ich impfen lasse und sie nicht und dann einfach wieder über Windelinhalte oder Einschlafrituale sprechen, aber wenn eine Supermutti einmal in Fahrt ist, gibt’s kein Halten mehr.

Hepatitis werde ja hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen, daher sehe sie nicht ein, ihr Baby dagegen impfen zu lassen. Was denn mein Partner dazu sage, ob ich das denn nicht mit ihm diskutiert hätte. Doch! Schnell die Verantwortung für mögliche Impfnachwirkungen auf den Papa schieben: Das war alles seine Idee! Ginge es nach ihm, wäre unsere Tochter noch für mindestens 45 Jahre sicher vor einer Hepatitis-Übertragung. Aber sollte sie sich mal im Kräutergarten ihres Klosterinternats in den Finger schneiden und eine Bluttransfusion brauchen, möchte er doch gern, dass sie vor Hepatitis und Tetanus sicher ist.

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