Tagebuch einer Working Mum. Seite Eins: Das V-Wort.

Liebes Tagebuch,

ich bin jetzt eine Working Mum. Ja, tatsächlich. Seit ein paar Wochen arbeite ich wieder. Anscheinend ist das sehr ungewöhnlich. Ich schätze, das liegt an den Kindern. Wenn ich sage: „Ich arbeite jetzt wieder“ – wäre da nicht die natürliche Reaktion, zu fragen „Ehrlich? Wo denn?“ Bei Nicht-Eltern oder zumindest bei Männern, egal ob Vater oder nicht, wäre das wohl so. Ich werde gefragt: „Ehrlich? Wie viel denn?“ Und darauf gibt es mehrere richtige Antworten, aber nur eine falsche. Die falsche beinhaltet das böse V-Wort.

Vollzeit.

Sobald ich das V-Wort ausspreche, verdunkelt sich der Himmel. Es blitzt. Es donnert. Dann herrscht gespenstische Stille. Pssst! Sie hat das Wort gesagt, welches man als Mutter nicht sagen darf.

Statt „Vollzeit“ zu sagen, könnte ich auch fröhlich verkünden, ich hätte meine Kinder auf dem Weg zum Flughafen an einer Autobahnraststätte angebunden, um Taschendesignerin auf Mallorca zu werden. Die Reaktionen wären ähnlich.

Erinnerst du dich doch an die Supermutti? Die, die immer alles besser wusste, damals, als Anna noch klein war. Die ihr Baby so gut verstanden hat, während ich immer größere Fragezeichen in den Augen bekam. Die mehr übers Impfen wusste, als jeder Kinderarzt. Die, die mitleidig den Kopf geschüttelt hat, wenn ich ein Gläschen Karotten in die Mikrowelle gestellt habe, statt frisch geerntete Pastinaken aus dem eigenen Garten dampfzugaren. Genau die ist jetzt wieder da. Und obwohl ich so viel arbeite treffe ich sie an jeder Ecke.

Als sie gehört hat, dass ich arbeite, ist sie flugs mit ihrem DeLorean aus dem Jahr 1955 zu mir durch die Zeit gereist, um mir allerlei komische Fragen zu stellen.

Frage 1: „Was sagt denn dein Mann dazu?“

Ach, der merkt das gar nicht. Er arbeitet ja selbst jeden Tag. Aber ich habe es mal ganz nebenbei erwähnt, während ich ihm ein Bier auf seine TV-Tisch gestellt habe, als kleine Entschädigung dafür, dass er Füße hochnehmen musste, damit ich besser um ihn herumwischen konnte. Weißt, du, was er gesagt hat? ‚Herzlichen Glückwunsch‘, hat er gesagt und eine Woche Urlaub eingereicht, damit ich nicht schon in der ersten Woche jeden Tag zu spät komme. Komisch, diese Männer heute.

Frage 2: „Und was sagen deine Kinder?“

Die merken das auch nicht, hatte ich gehofft. Denn die sind ja in der Kita. Sie müssen eben nur etwas eher hin und etwas länger bleiben. Glückwünsche habe ich von ihnen nicht bekommen. Wo und wie lange ich arbeite, haben sie ebenfalls nicht gefragt. Es ist ihnen ziemlich wurscht, ob ich putzen gehe (wobei sie sich wohl fragen würden, warum ich für etwas, das ich weder gut kann noch gerne mache, Geld bekomme, womit wir wieder bei Thema Vorbild wären), oder ob ich einen Vorstandsposten annehme. Wobei sie putzen wohl spannender fänden, weil sie sich darunter etwas vorstellen können.

Frage 3: „Willst du deine Kinder nicht aufwachsen sehen?“

Das ist ja so eine Frage, da krieg ich Schnappatmung. Wenn jemand sagt „Ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen“, stelle ich mir vor, dass er (oder sie) den Nachwuchs in einen Glaskasten steckt, ein paar Luftlöcher hineinbohrt, drei Mal täglich Futter reicht und zuguckt, wie die Brut wächst und gedeiht. Ab und zu notiert der Versuchsleiter ein paar Eckdaten ins Logbuch, dokumentiert Größe, Gewicht sowie Fortschritte im Spracherwerb und wenn das Projekt groß genug ist, trägt Mutti ihm den Tornister in die Uni.

Für Mütter gibt es nur ein akzeptiertes Modell: Ein Jahr Babypause, dann Teilzeit

Geht „aufwachsen sehen“ nur, wenn man 24/7 um die Kinder herumwuselt? Wer bestimmt, wie viel Arbeitszeit für wen okay ist, wenn man nicht nach Feierabend die Füße hochlegen oder ins Fitness-Studio gehen kann, weil man Kinder hat? Bestimmen nicht ca. eintausend Faktoren, wie es für eine Familie passt? Gefühlt ist das einzig akzeptierte Modell für Mütter in Deutschland: Ein Jahr raus aus dem Job, weil es da Elterngeld gibt, dann in Teilzeit zurück. Alles andere wird kritisch beäugt.

Erinnerst du dich noch an H. aus der Parallelklasse? Die ist seit zehn Jahren und einigen Kindern „nur“ Hausfrau und Mutter und damit sehr glücklich. Oder K., die war ja schon immer auf Karriere gepolt und hat nach wenigen Monate wieder angefangen zu arbeiten. Und das bei jedem der drei Kinder. Sie sagt, sie wollte es so und findet es gut. Oder J. von gegenüber. Die arbeitet Teilzeit in diesem schrecklichen Job mit schrecklichen Arbeitszeiten und würde lieber zu Hause bleiben. Aber sie muss oder möchte Geld verdienen. M. arbeitet immer noch in Teilzeit, seit sie Max hat. Sie würde gern mehr arbeiten, aber ihre Kita schließt um 14 Uhr und seit der Trennung ist das Geld noch knapper. Und S. arbeitet seit dem zweiten Kind voll, während der Mann den Haushalt schmeißt und dafür gefeiert wird wie ein Superheld. Davon ist sie ständig genervt, weil sie ja beim ersten Kind zu Hause geblieben ist. Da hat keiner geklatscht, wenn sie eine warme Mahlzeit zubereitet oder den Startknopf des Trockners ganz alleine gefunden hat.

Die Rechtfertigungslast liegt immer bei der Mutter

Du siehst, mein liebes Tagebuch, wie man es macht, macht man es verkehrt. Statt zu sehen, dass es bei jedem auf eine andere Weise nicht perfekt ist, werden die verschiedenen Modelle gegeneinander ausgespielt. Am Ende hat jede Mutter ein schlechtes Gewissen, egal, ob sie sich mit ihrem Entwurf wohl fühlt, oder nicht.

Die Last der Rechtfertigung liegt immer bei den Müttern. Mein Mann wurde noch nie gefragt, was ich dazu sage, dass arbeitet. Auch nicht, wie die Kinder das finden und ob er sie nicht bitteschön aufwachsen sehen wolle, wo er sie doch so aufopferungsvoll gezeugt hat. Er wurde noch nicht ein einziges Mal gefragt, wieviel er arbeitet. Dass Väter Vollzeit arbeiten, wird stillschweigend vorausgesetzt.

Der Jäger, der im Morgengrauen heldenhaft aus der Höhle schleicht, um mit bloßen Händen ein Bison zu erlegen, das die Familie ernährt, ist nicht aus den Köpfen zu kriegen.

„Geht das denn?“ fragt die Supermutti dann noch und setzt ihren Dackelblick auf und richtet diesen auf meine jüngste Tochter. Sie meint eigentlich Spezialfrage Nr. 4: „Darfst du das denn?“ Wegen Lilly. Wenn man ein behindertes oder chronisch krankes Kind hat, ist der Rechtfertigungsdruck gleich doppelt so hoch. Die das Nest verlassende Rabenmutter ist da noch etwas rabiger, als bei gesunden Küken. Glaub mir, liebes Tagebuch, ich war sehr wahrscheinlich die erste, die sich diese Frage gestellt hat, bevor ich sie – voll modern – mit meinem Mann besprochen habe. Die Kleine ist gerade einigermaßen stabil, wir haben uns ganz gut eingegrooved mit Medikamentengabe, Kontrollterminen und Physiotherapie und sie geht sehr, sehr gerne zu ihrer Tagesmutter. Warum also nicht? Ich finde, ich darf das zumindest mal ausprobieren, dieses arbeiten, oder? Ich habe ja nicht meine Seele an den Teufel verkauft oder – um in der aktuellen Themenwelt zu bleiben – meine Stimme an die Meerhexe Ursula. Ich habe nur einen Job angenommen, der sich ziemlich interessant angehört hat und sogar bezahlt wird – eine Kombination, von der man während eines Germanistikstudiums nicht zu träumen wagt.

Wie klappt das so, mit Job und Kids?

Und dann stellt die Supermutti noch eine berechtigte Frage:

Frage 5: „Klappt das denn?“

Damit hat sie mich erwischt. Es klappt natürlich nicht. Zumindest nicht reibungslos. Wer Vollzeit arbeitet und dafür nicht bis 18 Uhr im Büro sitzen will, muss früh anfangen. Kein Problem für mich, habe ich im Vorstellungsgespräch behauptet. In den zweieinhalb Jahren, in denen ich als Vollzeitmama betitelt wurde, wachten meine Kinder äußerst zuverlässig zwischen 5 und 6 Uhr morgens auf. Selbstverständlich unabhängig von Feiertagen oder Wochenenden. „Das hört irgendwann auf“, hatte die Supermutti mal groß getönt und behauptet, ihr Sohn schlafe am Wochenende bis 9. In Worten: Neun. Uhr. Was ich angesichts ihrer augenringlosen Augen auch geglaubt habe. Als der Arbeitsbeginn immer näher rückte, fand ich es sogar ganz praktisch, dass meine Kinder Frühaufsteher waren. Immerhin hat E. erzählt, dass sie in den ersten Arbeitsmonaten ihre Tochter im Schlaf (also im Schlaf der Tochter, nicht der Mutter) angezogen und ins Auto verfrachtet hat und ihr vor der Kita ein paar Mal auf die Wange klatschen musste, damit sie wach wurde. Aber die Supermutti hatte recht. Es hörte genau an meinem ersten Arbeitstag auf. Mit Beginn meines Jobs haben meine Kinder entdeckt, dass es möglich ist, länger zu schlafen als bis 6 Uhr. Jahrelang habe ich versucht, ihnen einzubläuen, dass das Bett ein gemütlicher Ort ist, an dem man ruhig verweilen darf. Jetzt haben sie es verstanden.

Easypeasy ist das nicht, mit dem Vollzeitjob und zwei kleinen Mädels. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich das noch einpendelt. Denn weißt du, was ich wirklich traurig finde, liebes Tagebuch? Bei all den Fragen hat die Supermutti eine wichtige ganz vergessen. Ich habe ihr die Antwort schnell hinterhergerufen, bevor die Türen des DeLorean zuklappten, und sie in ihr gemütliches 1955 zurückzischen durfte: Die Arbeit macht mir übrigens wirklich Spaß. Danke, dass du fragst.

8 thoughts on “Tagebuch einer Working Mum. Seite Eins: Das V-Wort.

  1. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich arbeite zwar noch nicht Vollzeit, habe aber direkt nach dem Mutterschutz wieder angefangen mit ein paar Stunden zu arbeiten (Elterngeld Plus) und plane wieder Vollzeit zu arbeiten, wenn meine Kleine mit 2 Jahren in die Kita kommt.

  2. Toller Text – so herrlich ironisch und doch leider so wahr!
    Ich arbeite mit zwei kleinen Kindern auch Vollzeit (mein Mann auch – falls da jemand nach fragt..) – nicht nur weil ich es muss, sondern auch will. Davon abgesehen ist das in meinem Umfeld bei mindestens 50 Prozent der Familien so, dass beide Eltern Vollzeit arbeiten. Also, das V-Wort ist hier gar nicht mal so böse…
    Momentan erwarten wir Baby Nummer 3. Der Plan ist nach einem Jahr Elternzeit mit 80% wieder einzusteigen und nach 3 bis 5 Jahren wieder auf Vollzeit hoch zu gehen (sofern möglich). Mal schauen, ob das so aufgeht. Alles Gute weiterhin für euch und viel Spaß im Job!

  3. Hallo! Ja der Artikel beschreibt es ziemlich treffend. Auch ich werde in 2 Monaten wieder arbeiten gehen – und zwar VOLLZEIT. Und die Reaktionen reichen mitleidigen Blicken bis hin zum offen ausgelebten Entsetzen. In jedem Fall bin ich eine Rabenmutter, die ihre Kinder quasi aussetzt. Das mein Mann und ich zeitversetzt arbeiten und unsere Kinder daher eigentlich genauso lange bzw. kurz wie andere Kinder in „Fremdbetreuung“ sind, wird ausgeblendet (8:30 – 15:45).
    Aber da auch wir ein schweres Schiksal mit einem unserer Kinder durchlebten, stösst dieses Vorhaben jetzt auf doppeltes Unverständnis. (Wir haben unser Kind – auch mit Alagille – traurigerweise verloren)

    Liebe Grüße und Du machst das toll!

    1. Liebe Sandra, danke dir für deine netten Worte und deine Offenheit. Das tut mir unfassbar leid. Da kann ich mir wirklich nicht ausmalen, was ihr durchgemacht habt. Ich finde es toll, wenn man nach einem schlimmen Schicksalsschlag wieder etwas findet, das einem Kraft gibt, und das kann eben auch die Arbeit sein. Alles Liebe und Gute für euch! <3

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